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Stendal Orgelprospekt St. Marien

Bezeichnung: Orgelprospekt (Rückpositiv, Hauptwerk, 2 separate Basstürme) Datierung: 1580 erbaut, Erweiterung 1824-26, Basstürme 1943 Werkstatt: Orgelwerk Hans Scherer d.Ä., Prospekt unbekannt Eigentümer: Evangelische Stadtgemeinde Stendal

Kerstin Klein
 
 



Objektbeschreibung

Die Orgel besteht aus Hauptwerk, Rückpositiv und zwei Basstürmen. Das Prospekt ist fünfteilig-dreitürmig gegliedert, wobei das Rückpositiv im Verhältnis 1: 1,8 die Proportionen des Hauptwerkes übernimmt. Bemerkenswert ist die dreidimensionale Gestaltung des Rückpositives mit herausstehenden Dreiecks- und Rundtürmen, die dem Ende des 16. Jh. aus Norddeutschland einströmenden Manierismus entspricht. Das Hauptwerk hingegen entspricht mit seinem Flachprospekt dem Gestaltungskanon der mitteldeutschen Orgeln der Renaissance. Diese Divergenz ist untypisch bei Orgelprospekten und zeigt vermutlich einen Umbruch in der Werkstatt der Familie Scherer, denn Rückpositiv und Hauptwerk wurden in den konstruktiven Elementen gleichzeitig 1580 erbaut. Die Umgestaltung des Rückpositivs mit aufgedoppelten Dreiecksgiebeln geschah noch um 1580 und wird derzeit mit einer Konzeptänderung während der Bauzeit erklärt.
Es sind also nur die Türme des Rückpositivs sind mit Rundbogengalerien und Dreiecksgiebeln verziert, auf Eckpostamenten stehen vergoldeten Puppen. Die Dreiecksgiebel finden sich auch als Bekrönung am Hauptwerk, die dort von Zahnschnitt am Gesims unterstrichen werden. Die aufrechten Prospektständer der Orgel sind profiliert und farbig abgesetzt. Am Rückpositiv wurden den Prospektständern Säulen vorgesetzt, die die aufgedoppelten Dreiecksgiebel optisch stützen. Die Sockelzone des Rückpositives ist mit geschnitzten Kartuschen verziert. In den Zwischenfelder sind diese mit plastischen Löwenköpfen mit Ring im Maul gestaltet. Der linke Dreiecksturm zeigt im Sockel ein männliches Gesicht mit Werkzeug (vermutlich der Bildhauer selbst) und ein Frauengesicht mit Blüten umrahmt, der mittlere Rundturm das Erbauungsjahr , 1580, auf Beschlagwerk mit Fruchtdraperien und die Kartuschen im Sockel des rechten Turmes sind mit einer Löwenkopf-Maske, Beschlagwerk und Frucht-Draperien verziert. Weiterhin finden sich an den Schleierbrettern des Rückpositivs männliche und weibliche Nixen rechts und links, sowie Masken aus deren Mündern Rankenwerk wachsen am Mittelturm. In der Gesims-Zone der Zwischenfelder sind zwei Halbbüsten (einen Mann in Rüstung und eine Frau in der Kleidung der Patrizier- vermutlich Stifter) angebracht. Die Schleierbretter des Hauptwerkes sind schlichter gestaltet, aber auch hier finden wir Masken aus deren Mündern Rankenwerk wächst.
Die Basstürme von 1943 sind historisierend ergänzt, sind aber stilistisch uneindeutig und thematisieren eher den Barock, als den Manierismus oder gar die Spätrenaissance. Auch die Schnitzereien der Schleierbretter tragen Bezüge zur Musik des Barocks. Vermutlich sollte so die Aufstellung von großen Bässen, die ein Spielen von Barock-Literatur ab Bach ermöglicht, kommuniziert werden.
Die Orgeln des Hans Scherer d.Ä. waren zwar berühmt für ihren Bass, waren aber alle ohne Basstürme erbaut. Erst sein Sohn Hans Scherer d.J. entwickelt das „Hamburger Prospekt“ mit dem monumentalen seitlichen Basstürmen.


Restaurierungsgeschichte

Die Orgel die Hans Scherer d-.Ä. in St. Marien als neu Westwerk-Orgel 1580 erbaute, war eine freischwebende Schwalbennest-Orgel die aus einem Hauptwerk mit Flügeltüren und dem Rückpositiv bestand. Illusionistischen Wandmalereien vergrößern die Orgel um zwei weitere (gemalte) Türme und umspielen das Prospekt mit manieristischer Ornamentik. Der Zugang war vom Turm aus über die Organisten-Galerie.
Heute erleben wir das Prospekt in einem gewachsenen Zustand, wobei recht kurz nach dem Bau die Empore und Stützfeiler zugefügt wurden.
Eine starken Umbau und Erweiterung gab es 1826 durch den Magdeburger Orgelbauer Hamman, hierbei wurden die Wandmalereien übertüncht, die Organisten-Galerie erweitert und dort hinter hölzernen, bemalten Kulissen Basspfeifen aufgestellt. Das gesamte Prospekt wurde überfasst, die Flügeltüren entfernt, ein barocker Jubelengel als Bekrönungsfigur aufgestellt.
1933 begannen Planungen für eine erneute Restaurierung. Diese wurde bis 1943 von der Firma Furthwängler & Hammer aus Hannover ausgeführt. Hierbei wurden die Umbauten von 1826 rückgebaut, die Kulissen also entfernt und die Organisten-Galerie wieder verkleinert. Die alte Farbfassung wurde wieder freigelegt und teilweise rekonstruiert. Um die Bässe unterzubringen, entschloss man sich, separat stehende Basstürme auf der Empore aufzustellen.



Zustand der Farbfassung

Augenscheinlich sehr stark geschädigt und vom unmittelbaren Verlust durch Besucherverkehr bedroht ist die Fassung der Untersicht der Orgel. Durch Versagen des Bindemittels einer Schicht innerhalb des Schichtpaketes des Fassungsaufbaus lösen sich ganzflächig Farbschollen, wodurch auch ältere Fassungen, die an den Rückseiten dieser Farbschollen anhaften (vermutlich Ornamentmalereien) verloren gehen.
Weiterhin haften die Vergoldungen an den vier Dreiecksgiebeln, an den gedrechselten Puppen der Bekrönung, den Elementen des Unterhangs und die Vergoldungen in den Kartuschen der Sockelzone am Rückpositiv nur noch partiell am Untergrund. Die Marmorierungen der Organisten-Galerie und der Stützsäulen sind ebenfalls stark entfestigt. Eine Fassungsfestigung ist in den kartierten Bereichen dringend erforderlich.


Maßnahmenkonzept

Die Fassung ist vor Ort mit 5-10%em Hausenblasenleim unter Verwendung eines Heizspachtels zu festigen (Vorversuche innerhalb der Diplomarbeit 2010, Kerstin Klein, FH-Potsdam). Die bearbeiteten Bereiche sollen mit Pinseln trocken gereinigt werden. Der Staub ist abzusaugen.
Aufgrund der Hylotox-Kontamination des Objektes sind unpolare Lösungsmittel oder ölige Festigungsmittel zu vermeiden, da diese die Auskristallisation des eingebrachten Holzschutzmittels beschleunigen würden. Es sind Schutzmaßnahmen für die ausführenden Restauratoren zu ergreifen (Vollschutz, Trockenreinigung der Verschmutzung mit H-Saugern).
Die Maßnahmen verstehen sich als rein konservatorischer Eingriff zum Substanzerhalt, Es sind keine Retuschen vorzunehmen.


Arbeiten zur Notsicherung der Fassung

Die Fassungsfestigung erfolgte mit 5-10%igem Hausenblasenleim, appliziert mit einem Pinsel durch Japanpapier. Zur besseren Verteilung des wässrigen Festigungsmittels wurde dem Leim etwas Alkohol zugegeben, um so die Oberflächenspannung herabzusetzen. Anschließend wurde über Hostaphanfolie mit einem Heizspachtel die Fassung vorsichtig flexibilisiert und niedergelegt.
Bei der Abnahme der Japanpapierkaschierungen wurde der Erfolg der Festigung überprüft und ggf. nochmal nachgefestigt, anschließend wurde die Oberfläche mit etwas erwärmtem, destilliertem Wasser gereinigt.
Die abnehmbaren Elemente der Bekrönung wurden hierfür demontiert und nach abgeschlossener Arbeit mit Schrauben wieder angebracht (um eine spätere Demontage zu vereinfachen).

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