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DIE TOSKANISCHE ORDNUNG

Mit der toskanischen, als der einfachsten der fünf Säulenordnungen, beginnen die Zöglinge gewöhnlich das Studium der Architectur, und deshalb steht sie auch hier an der Spitze dieses Werkes. Der Name dieser Ordnung bezeichnet hinlänglich ihren toskanischen Ursprung. *) Man findet ihre regelmäßigen Verhältnisse nur von vier neuern Meistern, nämlich von Palladio, Scamozzi, Serlio und Vignola angegeben, aber keiner dieser berühmten Architecten scheint ein noch vollständig erhaltenes Denkmal dieser Ordnung unter den andern antiken Ueberresten gefunden zu haben. Nur Palladio behauptet 1), in den Amphitheatern zu Verona und zu Pola in Istrien Fragmente davon entdeckt zu haben 2).

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TOSKANISCHE ORDNUNG VON PALLADIO.

TAFEL I

Andreas Palladio giebt zwei verschiedene Profile, sowohl für das Capitäl, als auch für die Basis der toskanischen Ordnung, an. In den Verhältnissen der Glieder seines Kranzes findet sich eine zu große Gleichförmigkeit, und der Karnieß, welcher die hängende Platte zum Theil unterschneidet, scheint denselben ein wenig zu stumpf zu machen. Es muß jedoch bemerkt werden, daß in der perspectivischen Ansicht 3) vielleicht eine bessere Harmonie hervortritt, als im geometrischen Aufriß.

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TOSKANISCHE ORDNUNG VON SCAMOZZI.

TAFEL II

Vincenz Scamozzi hat sowohl diese, als auch die übrigen Säulenordnungen am reichsten ausgestattet. Er hat die Glieder vervielfältigt und im Fries einen Vorsprung angedeutet, der einige Aehnlichkeit mit einem Triglyphen hat, aber ganz glatt gelassen und nur über jeder Säule angebracht ist. Das Capitäl und die Basis, die er auf verschiedene Weise anordnet, haben gute Verhältnisse; aber die Säule, welche einen halben Durchmesser länger ist und sich um drei Partes mehr verjüngt, als die des Vignola, scheint ein wenig zu mager zu sein. Das Gesims seines Postaments hat im Verhältniß zur Höhe zu wenig Ausladung, und wir glauben, daß wenn man dasselbe um die Höhe der obersten Platte verringerte, ohne die Glieder und das Verhältniss des Postaments sonst zu verändern, ein viel besserer Effect hervorgebracht werden würde.

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*) Die toskanische Bauart stammt von den Etruskern, einer der ältesten Völkerschaften Italiens, die, obgleich hellenischen Ursprungs, sich selhständig auf italischem Boden bis zur Zeit ihrer Unterjochung durch die Römer entwickelt hat. (d. H.)
1) Man sehe diese Ordnung in: der Parallele von Chambray.
2) Dancarville giebt im 2ten Bande auf Taf. 4. ein Fragment der toskanischen Ordnung, welches in den Mauern von Paestum gefunden worden und wonach Palladio und Serlio ihr Capitäl entworfen zu haben scheinen.
3) Das Studium der Perspective ist nothwendig, um den Effect eines Bauwerks vorher beurtheilen zu können. Denn von unten und von einem einzigen Punkte aus gesehen, ist die Wirkung beträchtlich anders, als beim geometrischen Entwurfe. Die Sehstrahlen, welche für alle Punkte, dem einzigen ausgenommen, welcher dem Auge des Zuschauers senkrecht gegenüber liegt, schräg sind, lassen die Dimensionen um so beträchtlicher erscheinen, je näher sie liegen und je schräger sie gesehen werden. Diese Wirkungen finden noch in hinlänglichen Entfernungen Statt.
Quelle:
Vergleichende Darstellung der Architectonischen Ordnungen
der Griechen und Römer und der neueren Baumeister
Herausgegeben und gezeichnet von Carl Normand
Architecten und ehemaligem Pensionair an der französischen Academie zu Rom
Erste Deutsche Berichtigte Ausgabe von M.H Jacobi.
Königl. preuss. Regierungs-Bau-Conducteur
mit fünf und sechszig Kupfertafeln.
Potsdam, 1830. Verlag von Ferdinand Riegel.

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