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EINLEITUNG

Um die Vergleichung der verschiedenen Säulenordnungen zu erleichtern, haben wir alle nach einem, gewöhnlich in dreißig Partes eingetheilten Modul aufgetragen. Vignola's Eintheilung des Modul in zwölf Partes ist allen Ordnungen dieses Meisters beigefügt. Die Säulenordnungen bestehen aus der Säule und ihrem Capitäl, einer Basis, wenn die Ordnung eine hat, und dem Gebälk. Bisweilen stehen die Säulen auf Postamenten oder Säulenstühlen, bisweilen auf einem einfachen Sockel, häufig aber nur auf fortlaufenden Stufen.

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Am häufigsten beträgt die Höhe der Gebälke bei den antiken Ordnungen den vierten Theil der Säulenhöhe; mitunter auch nur den vierten bis fünften Theil. Palladio und Scamozzi geben gewöhnlich ihren Gebälken den fünften Theil der Säule zur Höhe, Vignola aber immer den vierten Theil. Die Regeln, welche Vitruv über die Verhältnisse der verschiedenen Ordnungen bei verschiedenen Säulenhöhen aufstellt, finden sich auf Taf. 59. erläutert.
Ein Gebälk ist vollständig, wenn es aus dem Kranzgesimse, dem Fries und dem Architrav besteht. Fehlt der Fries und befinden sich statt dessen ein oder mehrere Streifen unter dem Kranz, so heißt er ein architravirter Kranz, wie am Tempel des Pandrosus 1), und einfacher Kranz oder Gesims, wenn diese beiden Theile fehlen.
Die Zwischenweiten, sowohl für einfache Säulenstellungen, als auch für Bogenstellungen oder Arcaden, mit und ohne Postamenten, sind für jede Ordnung in einem kleinem Maaßstabe angegeben, so wie auch der Abstand der Unterkante des Architravs von der Unterkante des Schlulssteins. Hieraus und aus der gegebenen Höhe der Säulen, der Form und dem Verhältniß des Postaments des Kämpfers und der Bogeneinfassung, welche für jede Ordnung auf demselben Blatte zusammengestellt sind 2), läßt sich alles übrige leicht finden. Die Eintheilung der Triglyphen richtet sich immer nach der Entfernung der Säulenaxen, unter der Bedingung, daß die Metopen Quadrate bilden. Das letztere haben indessen nur die neuern Meister streng beobachtet, so wie sie auch bei allen folgenden Ordnungen, wo Sparrenköpfe angebracht sind, die Eintheilung derselben genau nach den Säulenaxen richteten. Die Alten haben auch bei den übrigen Verzierungen selten Rücksicht hierauf genommen.
Für die Säulenstellungen bei den antiken Ordnungen haben wir ein mittleres Maaß aus den ungleichen Entfernungen gewählt, die vielleicht durch einen Fehler beim Versetzen entstanden sind. Die Entfernungen sind gewöhnlich nach den Säulenmitteln bestimmt.
Auch ist der Durchmesser der Säulen in Fußen nach französischem Maaße angegeben, um die Vergleichung erleichtern, ein bestimmtes Verhältniß feststellen und den Effect beurtheilen zu können.
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Kleine Unterabtheilungen von sechstel, achtel oder zwölftel Partes, haben wir in diesem Werke bei Berechnung der Verhältnisse bisweilen ausgelassen, weil sie häufig nur lästig sind und der gesammten Anordnung durchaus nicht schaden 3); denn da die meisten Monumente großentheils nur noch als Ruinen vorhanden sind, so würde z. B. dasselbe Glied an einer andern Stelle gemessen, oft größere Unterschiede darbieten, als diese kleinen Bruchtheile betragen. Aber wir haben immer die größte Sorgfalt auf die genaue Eintheilung der Hauptmassen verwandt.
Noch müssen wir bemerken, daß zur Vereinfachung der Figuren, namentlich bei der korinthischen und componirten Ordnung, und zum Verständniß der eingeschriebenen Zahlen, der Durchschnitt des Capitäls auf eine aus länglichten Strichen bestehende gerade Linie bezogen ist, welche auf den obern Durchmesser des Säulenschafts unter dem Astragal herabfällt. Die Ausladung der Blätter und der Schnecken oder Voluten 4) ist von dieser Linie an gerechnet. Bei den Gebälken ist von dem am meisten ausladenden Gliede des Kranzes ein Loth herabgefällt, von wo aus die Maaße abgenommen werden, um die Profile zu bilden. Die ganze Ausladung aber, so wie der Fries und die Ansicht des Architravs über dem Capitäl, ist von der Säulenaxe aus bestimmt.

Um die Vergleichung der verschiedenen Säulenordnungen zu erleichtern, haben wir alle nach einem, gewöhnlich in dreißig Partes eingetheilten Modul aufgetragen. Vignola's Eintheilung des Modul in zwölf Partes ist allen Ordnungen dieses Meisters beigefügt.

1) Siehe Tafel 55.
2) Die Kämpfer und Bogeneinfassungen der dorischen, jonischen, korinthischen und römischen Ordnungen nach Scamozzi befinden sich auf den Blättern 17, 30 und 48.
3) Es findet sich bisweilen, daß die kleineren Eintheilungen nicht mit den beigeschriebenen Maaßen übereinstimmen, dieses ist kein Irrthum, sondern öfters nur der größern Deutlichkeit der Zahlen wegen geschehen.
4) Da die meisten antiken Capitäle, besonders an ihren vorspringenden Schnecken und Blättern, sehr verstümmelt sind, so haben wir sie durch Vergleichung der noch erhaltenen Theile mit dem, was von der Schweifung ihrer Blätter und von den Umrissen der Schnecken bei ihrer Vereinigung mit der Deckplatte noch übrig war, ergänzen müssen, und die ganze Ansicht dieser Capitäle wird hinlänglich zeigen, wie wir uns hierbei bemüht haben, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen.
Quelle:
Vergleichende Darstellung der Architectonischen Ordnungen
der Griechen und Römer und der neueren Baumeister
Herausgegeben und gezeichnet von Carl Normand
Architecten und ehemaligem Pensionair an der französischen Academie zu Rom
Erste Deutsche Berichtigte Ausgabe von M.H Jacobi.
Königl. preuss. Regierungs-Bau-Conducteur
mit fünf und sechszig Kupfertafeln.
Potsdam, 1830. Verlag von Ferdinand Riegel.

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