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Stonehenge und Steindenkmale

... Doch beginnt hier schon, durch die Ausdehnung solcher Anlagen oder die Kolossalität der Steine und die Seltsamkeit ihrer Stellungen und Verbindungen, ein geistiger Eindruck bei ihrem Anschauen sich des Gemüthes zu bemächtigen.

Der Schauer des Geheimnissvollen, Gewaltigen, ja selbst des Schreckhaften ergreift uns mit jenem Wehen, durch das die Ahnung der Gottheit in unentwickelten Naturvölkern sich ankündigt. Auch giebt sich hier zuerst ein Streben nach Zusammenhang und Gleichmass, nach Komposition und einer gewissen Harmonie zu erkennen. Zwei oder mehrere gewaltige Steinblöcke werden aufgerichtet, und ein dritter legt sich als erhöhte Platte über sie. Eine Anzahl solcher Verbindungen wird zu einem, ja zu mehreren weiten Kreisen an einander gereiht, und der Mittelpunkt des Denkmals bedeutsam hervorgehoben. So die berühmten Steinkreise (Stonehenge) bei Salisbury (Fig. 3).

Stonehenge bei Salisbury   Steindenkmal bei Abury
Stonehenge bei Salisbury   Steindenkmal bei Abury

Hier besteht der äussere Kreis aus dreissig Steinpfeilern von etwa 15 Fuss Höhe, die durch eingezapfte Steinbalken verbunden waren. Das Innere zeigte zehn noch riesigere durch ähnliche Felsblöcke paarweis verbundene Pfeiler; dazwischen zogen srch innen und aussen noch zwei Kreise von kleineren Pfeilern hin. Bisweilen führen Doppelreihen von aufgerichteten Steinen zu der Kultusstätte hin, wie bei dem grossen Denkmal zu Abury in England, das an Ausdehnung alle anderen übertriflt Seinen Kern (s3) bilden zwei doppelte Steinkreise (Fig. 4), die durch einen grösseren Kreis gemeinsam umschlossen und durch einen tiefen Graben geschützt werden. Auf diesen grossen Kreis, der gegen 1600 Fuss im Durchmesser hat, münden von entgegengesetzten Seiten zwei Alleen von Stein pfeilern , von denen die eine wieder die Verbindung mit einem kleineren Doppelkreis bewirkt.
Gewaltig ist auch das Denkmal zu Carnac in der Bretagne, wo ehemals über 2000 mächtige Pfeiler in elf parallelen Reihen sich wie ein versteinerter Riesenwald erhoben. Ausser diesen Denkmälern findet man so dann Grabkammern, welche in ähnlicher Art gebildet werden, indem grosse Stein platten aufgerichtet und durch Deckplatten verbunden werden, so dass mehrere jener Verbindungen sich dicht an einander schliessen.

Ja, noch einen Schritt weiter thut auf jenen ersten Stufen schon der Trieh zur gediegenen, monumentalen Konstruktion, wenn er die unter Fels- oder Erdhügeln eingeschlossenen Grahkammern dadurch sichert, dass er die auf einander gethürmten Steinschichten nach oben immer weiter vorkragen lässt, so dass zuletzt eine Art von Wölbung entsteht (vergl. Fig. 1); Andere Kammern haben in noch einfacherer Weise sich dadurch gebildet, dass je zwei Steinplatten nach Art der Sparren eines Daches schräg gegen einander gelegt wurden, wie denn in derselben Weise auch Thorwege gebildet werden. (Fig. 5.)



Die Denkmäler dieser primitiven Stufe gehören nicht bloss der keltischen und germanischen Urzeit an, sondern sie erstrecken sich über die entlegensten Theile der Erde, zum Beweis, dass überall die ersten Schritte zur Kunst sich von gleichartiger Basis aus bewegen. Man findet sie in Skandinavien, England und Irland, in der Bretagne und im nördlichen Deutschland, namentlich in Hannover und den Ostseeländern, aber auch in Indien und Kleinasien, sowie in Aegypten, an der Nordküste Afrika's und im Gebiete des Atlas.
Quelle:
Grundriss der Kunstgeschichte von Wilhelm Lübke
Jubiläums-Ausgabe / Zehnte durchgesehene Auflage
Erster Band / Mit 392 Holzschnitt-Illustrationen
Stuttgart / Verlag von Ebner & Seubert (Paul Neff) 1887

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