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Zum Möbeltypus und dessen Geschichte

Der Falt- bzw. Scherenstuhl war in seiner Urform als schlichtes, sägebockartiges Faltmodell mit Stoff- oder Lederbespannung bereits im alten Ägypten bekannt und ist für den europäischen Raum ebenfalls bereits aus vorchristlicher Zeit überliefert. Griechische Vasenbilder, welche Scherenstühle zeigen, sind keine Seltenheit.

Die Adaption griechischer Kultur, auch der Alltagskultur bis hin zur Übernahme von Möbeltypen durch die Römer ist an diesem Sitzmöbel beispielhaft nachvollziehbar. Als Senatoren-, ja sogar Imperatorensitz ist diese Konstruktion wohl in seiner Geschichte erstmals bedeutend geworden und in seiner römischen Bezeichnung als „Sella curulis“ (Kurulischer Stuhl) überliefert.

Aus frühchristlicher, frühmittelalterlicher Zeit sind uns zwar keine Exemplare erhalten geblieben, schriftliche Anmerkungen von Mönchen mit Beschreibungen von Scherenstühlen sind jedoch aus der Zeit vor 1000 bekannt.

Von größerem Interesse und Beliebtheit war er jedoch erst in spätgotischer Zeit wieder und erfuhr hier eine regelrechte Blütezeit. Mittelalterliche Tafelbilder und Miniaturen bezeugen dies. Aber auch auf uns gekommene Originale sind aus dieser Zeit vorhanden. Nun beginnt auch das Experimentieren, Variieren und Verzieren des Modells Scherenstuhl. Es entstehen in dieser Zeit die ersten Modelle mit Rückenlehne, die ganz unterschiedliche Ausformungen bekommt. Als großflächigstes Bauteil des Mobiliars bieten diese Lehnen Raum für die fantasievollsten, detailreichsten, kunsthandwerklichen Verzierungen in Form von Schnitzereien oder Einlegearbeiten. Die Liebe der Gotik zu konstruktiv- technischen Details zeigt sich hier auch bis hin zum Möbelbau- schwenkbare Varianten der Rückenlehnkonstruktion, der Klappmechanismus wird entwickelt.

Die Renaissance intensiviert das Experimentieren mit Konstruktion und Dekor und setzt die währende Nutzung fort. „Lutherstuhl“ oder „Dantesca“- so wurden Scherenstühle dieser Zeit häufig tituliert.

Barock und nachfolgende Epoche des Klassizismus hatten weniger am Scherenstuhl Gefallen gefunden, bzw. scheinen keine innovativen Ideen und Neuerungen am Grundmodell vollzogen worden zu sein.

Der Historismus beschert dem Möbel dann wieder eine Revitalisierung, was aus dem umfassenden Interesse an vergangenen Stilen, aber auch schlicht aus den Qualitäten des jahrhundertelang bewährten Modells nachvollziehbar ist.

Eben dieses Grundmodell hat sich in seiner Konstruktion, quasi seiner Urform letztlich auch kaum verändert. Noch heute finden wir in kleinen Touristenorten der Algarve in Portugal in mancherorts fast jedem kleinen Handwerkerbetrieb, welcher ein wenig vom Geschäft mit den Touristen profitieren möchte, stapelweise Scherenstühle zum Verkauf angeboten.

Die regionale Verbreitung ist als letztlich als weltweit zu bezeichnen- auf allen Kontinenten ist er als funktionales Sitzmöbel seit jeher bekannt und beliebt.

Die fast ununterbrochene Linie in der Herstellung und dem Gebrauch jenes Sitzmöbels liegt wohl in mehreren Aspekten begründet. Dieser sprichwörtliche Klassiker besticht nach wie vor in seiner Einheit von Form und Funktion. Er ist praktisch, weil zusammenfaltbar, somit platzsparend, leicht transportabel also vielseitig und vielerorts einsetzbar. Diese Funktionalität ergibt sich auch nicht zuletzt aus dessen relativ geringen Abmessungen und sparsamen Materialmengen. Für seine Fertigung kann letztlich auch Restholz von geringen Stärken und Längen verwendet werden, was in holzarmen Gegenden und Zeiten ausschlaggebend für die Produktion von Mobiliar gewesen ist. Seine Form ist wohl mit dem Begriff des zeitlosen Design am besten charakterisiert, wie sonst hätte er sich über Jahrtausende solcher Beliebtheit erfreuen können?


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