100 jahre bauhaus: Die weißen Kuben waren nie weiß

Restaurator räumt ein Missverständnis aus der Welt
 
Weiß, alles weiß, das ist die Vorstellung der meisten Menschen, wenn sie an die Architektur des Bauhauses denken. Restauratorische Befunde revidieren das. Ganz so weiß waren die Architekturoberflächen nicht. Passend zum Jubiläum „100 jahre bauhaus“, das auf diesen Freitag (12. April 2019) fällt, schauen wir genauer hin.

Liest man aktuell auf den Internetseiten des Bauhauses Dessau die Beschreibung der Meisterhäuser, so ist dort von den „weißen, kubischen Baukörpern“ die Rede und tatsächlich verbinden die meisten Menschen das Bauhaus, zumindest was die äußere Farbgebung betrifft, mit einem hellen, strahlenden Weiß. Prof. Dr. Ivo Hammer ist davon alles andere als begeistert.  „Die Vorstellung von der weißen Architektur, den weißen Kuben, ist ein kulturelles Konstrukt, an dessen Herausbildung auch Architekten wie Le Corbusier oder Josef Frank beteiligt waren, das aber im Widerspruch zur tatsächlichen Materialität der Gebäude der Zeit steht“, sagt der Kunsthistoriker und Konservator-Restaurator, der von 1997 bis 2008 als Professor an der HAWK Hildesheim die Studienrichtung Konservierung-Restaurierung von Wandmalerei/Architekturoberfläche aufbaute. „Wir müssen die Farbgeschichte des Neuen Bauens neu schreiben. Die weißen Kuben waren nie weiß.“ Aber bis heute sei die stereotype Vorstellung von der weißen Architektur, den „weißen Kuben“, wirkmächtig und das habe negative Konsequenzen für die Erhaltungspraxis. „Ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Materialzusammensetzung der Oberflächen streicht man bis heute Fassaden des neuen Bauens mit modernen Farben in einem grellen Weiß, unter Verwendung von nicht kompatiblen Materialien wie Kunstharz und Titanweiß.“
 
Unter Schichtpaketen späterer Anstriche findet sich die ursprüngliche Kalktünche
 
In seinem Artikel „Weiß, alles weiß?“, der in den ‚Beiträgen zur Erhaltung von Kunst- und Kulturgut‘ (Heft 2.2018) veröffentlicht wurde, beschäftigt sich Ivo Hammer mit diesem Thema am Beispiel von Josef Franks Haus Beer (1930) in Wien. Hier konnte Hammer durch konservierungswissenschaftliche Untersuchungen nachweisen, dass die Architektur in traditioneller Weise mit Kalkmörtel verputzt und mit Kalktünche gestrichen worden war. Diese Praxis galt überwiegend für die Architektur des Neuen Bauens, wie Hammer im Rahmen eines Forschungsprojekts der HAWK Hildesheim belegen konnte. Er untersuchte die Fassadenputze einer Reihe von Objekten des Neuen Bauens, darunter Frühwerke von Ludwig Mies van der Rohe in Berlin und Potsdam, Bauten der Messe Brünn von 1928 oder das Haus Tugendhat in Brünn. Auch am sogenannten Prellerhaus, dem 1926 fertiggestellten Ateliergebäude des Bauhauses in Dessau, fand Hammer unter Schichtpaketen mit späteren Anstrichen die ursprüngliche gelblichweiße Kalktünche.
„Bei der Restaurierung der Fassaden der Meisterhäuser von Dessau vor 20 Jahren haben die Bauherren zunächst, nämlich bei den Meisterhäusern von Feininger, Klee und Kandinsky, auf eine vorherige konservierungswissenschaftliche Untersuchung verzichtet und dabei – wie wir heute nach den Ergebnissen der Polychromie-Untersuchung der Meisterhäuser von Muche/Schlemmer wissen – die Zerstörung der originalen Polychromie in Kauf genommen.“

Als Hand- und Kopfarbeit getrennt wurden
 
Insgesamt seien die konservierungswissenschaftlichen Befunde der „weißen“ Fassaden zwar hinsichtlich vieler technologischer Parameter unterschiedlich, sagt Ivo Hammer, aber eines hätten sie gemeinsam: „Sie waren nie rein kalkweiß, das Weiß des Kalkes war immer gebrochen“. Es entspreche handwerklicher Tradition, einer Fassadentünche sehr feine, möglichst ungewaschene Sande und ergänzend oft auch Erdfarben beizumischen. Dadurch erscheine die Fassade meist leicht gelblich.
In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hätten dann die Baustofffirmen und ihre Labors verstärkt damit begonnen, Fertigprodukte mit in der Retorte konfektionierten „modifizierten“ und „optimierten“ Materialien auf den Markt zu werfen, die schnell und ohne spezielle handwerklichen Fähigkeiten zu verarbeiten sind. Das sei ein Punkt gewesen, so bedauert Ivo Hammer, an dem „Hand- und Kopfarbeit getrennt“ wurden. Ein ernstes Problem seien auch die Sehgewohnheiten geworden. „Gerade bei Fachleuten, denn sie sehen den Unterschied nicht mehr zwischen handwerklichen und fertigen Produkten. Hier geht es auch um Bewusstseinsarbeit und bei der Sehschulung sind auch die Kunsthistoriker gefragt.“
Insbesondere die herrschende Kunstgeschichte bezichtigt Hammer, nicht an Materialgeschichte interessiert zu sein und somit die Fehlinformation der „weißen“ Fassaden weitergegeben zu haben. Dem „Schauwert“, also wie es aussehe, werde viel zu viel Bedeutung beigemessen. „Die Frage der Authentizität wird nicht konsequent gestellt. Da stehen wir Konservatoren-Restauratoren oft auf verlorenem Posten.“
 
Schwarz-weiße Abbildungen produzierten eine neue Realität
 
Weitere Gründe für die stereotype Vorstellung des Fassaden-Weiß sieht Ivo Hammer außerdem in der Schwarz-Weiß-Fotografie, die mit ihren schwarz-weißen Abbildungen in der Architekturanschauung eine neue Realität produziert und weitergegeben habe. Hinzu kämen achtlose Renovierungen bis hin zu einem (Ivo Hammer zitiert Jacques Sbriglio) „ikonoklastischen Vorgehen bei früheren Restaurierungen“.
Gespannt sei er auf die Eröffnung des Bauhaus-Museums in Weimar, sagt Ivo Hammer. Dort werde der Schreibtisch seines Schwiegervaters aus dem Haus Tugendhat gezeigt, aber die Frage sei für ihn wie. „Möglicherweise in titanweißer Umgebung, mit gewalzter Raufaser.“
 
Kontakt für Rückfragen:
 
Gudrun von Schoenebeck l  Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: (02224) 90 27 73
Patricia Brozio  l  Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: (0841) 31 95 81 34

Pressemitteilung - Verband der Restauratoren (VDR) e. V.

Geschäftsstelle Bonn
Weberstr. 61  l  53113 Bonn
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