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Clodra, Ev. Kirche, Kanzel, Einschubdecke in Kirchenschiff & Chor

Konservierung & Restaurierung sowie Rekonstruktion der Erstfassung der Kanzel, Konservierung und Rekonstruktion der barocken Deckenfassung.

Dipl. Restauratorin Antje Döring (Möller)
 
 



Beauftragter Auftragsumfang

Basierend auf den Erkenntnissen der Voruntersuchung wurde durch die Restauratoren Rolf Möller und Antje Möller ein Konservierungs- & Restaurierungskonzept für die Kanzel erstellt. Dieses sollte nun nach erfolgter Abstimmung mit dem zuständigen Landesamt für Denkmalpflege Erfurt, der Unteren Denkmalschutzbehörde Greiz, dem Kreiskirchenamt Gera sowie der Kirchgemeinde Clodra ausgeführt werden. Für die Balkeneinschubdecke des Kirchenschiffs und des Chors wurde durch die o.g. Restauratoren eine Untersuchung durchgeführt, ein Maßnahmekonzept erstellt sowie eine Probefläche angelegt. Die Umsetzung und Ausführung dieses Konzeptes war Bestandteil des Auftrags und wird nachfolgend dokumentiert.


Kanzel
Kanzel

Kanzel - Allgemeine Beschreibung der Kanzel

Im Übergangsbereich von Chor zu Kirchenschiff befindet sich an der Südwand ein auf einer hölzernen Säule (Kanzelfuß) ruhender Kanzelkorb. Stilistisch ist er stark mit der Renaissance (Frühbarock) verhaftet; er weist Muschelornamente, beschlagwerkartige Schnitzereien sowie die Ecken des Kanzelkorbs betonende, pilasterartige Elemente, welche jeweils mit einem Schuppenband verziert sind, auf. Dehio datiert die Kanzel auf 1764, jedoch sprechen die stilistische Gestaltung sowie die in der Befunduntersuchung gewonnenen Erkenntnisse viel mehr für eine Datierung um 1650-1680.


Fassungsaufbau der Kanzel

Im Rahmen der Befunduntersuchung konnten 4 Farbfassungen und eine jüngere Firnisbehandlung (1950) nachgewiesen werden. Diese werden ausführlich in der Dokumentation zur Voruntersuchung beschrieben. Daher wird an dieser Stelle nur auf die zu konservierende und restaurierende Erstfassung kurz beschrieben eingegangen
Die Seitenflächen des Kanzelpolygons (im Text auch Kanzelkorb, Kanzelkorpus und Kanzelbrüstung genannt) wurden von links nach rechts nummeriert und werden nachfolgend als Brüstungsfläche 0-6 bezeichnet. Die Brüstungsfläche 0 befindet sich somit direkt im Anschlussbereich an den Kanzelaufgang.
Auf den Seitenflächen der Kanzelbrüstung befinden sich je zwei Kassettenfelder, wobei die obere Kassettierung eine größere Fläche einnimmt und auf den Brüstungsflächen 1 -" 5 eine Malerei aus der Zeit der Erstfassung zu finden ist. Dargestellt sind von links nach rechts Lukas, Matthäus, Christus, Markus und Johannes. Die vier Evangelisten sind jeweils mit dem ihm zugeordneten Attribut dargestellt: Lukas mit einem Stier, Matthäus mit einem Engel, Markus mit einem Löwen und Johannes mit einem Adler.
Auf den unteren Kassettierungen befinden sich auf den Brüstungsflächen 1 -" 5 Bibelzitate, welche sich auf den oben dargestellten Evangelisten beziehen. Die Schrifttafel unter der Christusdarstellung zeigt ein Zitat aus dem Lukasevangelium.
Inwieweit diese Bibelzitate sich jedoch an der Erstfassung und den dort vorhandenen Zitaten orientierten, konnte im Rahmen der Befund-untersuchung nicht geklärt werden. Die jetzt sichtbaren Inschriften sind der 3. Farbfassung zuzuordnen. Sie werden aus konservatorischen und restauratorischen Aspekten belassen.

Brüstungsfläche 0: keine bildliche Darstellung
Brüstungsfläche 1: Darstellung des Lukas
Brüstungsfläche 2: Darstellung des Matthäus
Brüstungsfläche 3: Darstellung des Christus
Brüstungsfläche 4: Darstellung des Markus
Brüstungsfläche 5: Darstellung des Johannes
Brüstungsfläche 6: keine bildliche Darstellung


1. Fassung des Kanzelkorbes:

- Fondfläche/Rücklage Kanzelkorb: dünnschichtiger, gebrochen weißer Kreidegrund
- Rahmenleisten der Kassettenfelder und Höhungen der ornamentalen Schnitzereien:
ockerfarbener Bolus auf dickschichtigerem Kreidegrund als Untergrund der Polimentvergoldung
- Malereitafel: dünnschichtiger, gebrochen weißer Kreidegrund, darauf aufbauend
schwarze Grundierung als Bildhintergrund sowie Malerei (Tempera)
- Schrifttafel: dünnschichtiger, gebrochen weißer Kreidegrund, darauf aufbauend
schwarze Grundierung als Fondfläche für die vergoldete Inschrift (vermutlich /lvergoldung)
- Übergang zwischen Kanzelbrüstung und Kanzelfuß: vermutlich dünnschichtiger, gebrochen
weißer Kreidegrund, es konnten nur sehr geringe Fassungsreste lokalisiert werden


Seitenfläche der Kanzel
Seitenfläche der Kanzel
Kanzel
Kanzel

Konservatorische & restauratorische Maßnahmen an der Kanzel

Ziel der konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen war die Präsentation der Kanzel in der Erstfassung unter Integrierung der o.g. Schrifttafeln in der 3. Fassung.

Im Bereich des Kanzelkorbes wurden sämtliche Rücklagenflächen (ohne bildliche Darstellungen), der Kanzelfuß sowie der Kanzelaufgang bis zur Erstfassung freigelegt. Die Abnahme der jüngeren Überfassungen war aus technologischer Sicht notwendig da die stark ölhaltig gebundenen Farbschichten eine so dichte Schicht bildeten, dass es zu Spannungen innerhalb des gesamten Malschichtaufbaus kam. Dadurch traten großflächige Fassungsverluste auf.
Durch die Abnahme des fragmentarisch erhaltenen dickschichtigen Kreidegrunds der Erstfassung konnte eine Egalisierung des Untergrundes erreicht werden. Eine Kittung desselben hätte einen unverhältnismäßig großen zeitlichen und finanziellen Aufwand bedeutet.

Da die Verschwärzungen der Bronzierungen auf den Profilleisten und den Schuppenbändern nicht reversibel waren, es handelte sich hierbei um eine Art Korrosion, war die Abnahme der Bronzen unabwendbar.

Im Bereich der 3. Brüstungsfläche des Kanzelkorbes wurde das rechte fehlende Kapitell unterhalb der Kanzelkorbbrüstung nachmodelliert und ergänzt. Ebenso wurden gelöste Profilleisten wieder auf dem Träger befestigt sowie kleinere Ergänzungen vorgenommen.

Als Farbsystem der Rekonstruktionsfassung kam für die Fondflächen/Rücklagen des Kanzelkorbs ein dünnschichtiger, gebrochen weißer Kreidegrund zur Ausführung. Zuvor erfolgte eine Grundierung der so gefassten Flächen mit Schellack. Die Rahmenleisten der Kassettenfelder und die Höhungen der ornamentalen Schnitzereien wurden mit einem dickschichtigerem Kreidegrund als Untergrund der Polimentvergoldungen sowie mit oxidroten Bolus aufgebaut.

In der Flächenfreilegung konnte für die Fondflächen des Kanzelkorbes ein helles Grau eindeutig nachgewiesen werden. Weiterhin wurde im Bereich unterhalb des abschließenden Profils (Kranzgesims) des Kanzelkorbes in der Rücklage eine Marmorimitation festgestellt werden. Sie weist folgenden Aufbau auf: auf einem leicht blaustichigem Grauton wurden schwarze und weiße Aderungen sowie schwarze Knotungen und Knollen angelegt. Der Zustand dieser malerischen Gestaltung war sehr fragmentarisch, jedoch ausreichend groß um eine Rekonstruktion dieser Marmorierung ausführen zu können. Die originalen Befunde wurden mittels Hausenblasenleim gefestigt und unter der Rekonstruktionsfassung als Primärdokumente belassen bzw. soweit wie möglich in die Rekonstruktion integriert. Außerdem konnten in den Rücklagenflächen der kleinen Kassettierungen oberhalb der geschnitzten Schuppenbänder sowie in den nicht bildhaft gestalteten bzw. mit einer Inschrift versehenen Rücklagen der Kassettierungen im Anschlussbereich des Kanzelkorbes an die Ostwand des Kirchenschiffs Fragmente einer ähnlichen Marmorimitation diagnostiziert werden. Allerdings war hier die Aderung und Ausgestaltung des Marmors weniger linear sondern mehr flächig angelegt. Auch hier erfolgte eine Rekonstruktion der Marmorimitation.

Die Vergoldungen wurden aufgrund des stark fragmentarischen Zustands nach Befund rekonstruierend erneuert. Zur Anwendung kam hierbei reines Dukatendoppelgold.


Seitenfläche der Kanzel
Seitenfläche der Kanzel

Malereitafeln:

Während der Behandlung der Rücklagenflächen des Kanzelkorbes wurden die Malereitafeln mittels einer Schutzschicht aus Cyclododekan geschützt um eventuellen Schädigungen durch Farbspritzer etc. vorzubeugen. Um eine vorzeitige Sublimierung dieses flüchtigen Bindemittels zu verhindern brachte man anschließend eine Schutzfolie auf. Nach Beendigung der Freilegung der Rücklagenpartien des Kanzelkorbes wurde die Folie entfernt und das Cyclododekan verdunstete innerhalb weniger Tage rückstandsfrei. Anschließend erfolgte die Minimierung des stark verbräunten Firnis aus der jüngsten Fassungsphase. Hierzu verwendete man mit Diacetonalkohol befeuchtete Wattetupfer.
Weiterhin wurden im Bereich der Malerei kleine Partien mit Malschichtlockerungen mittels Hausenblasenleim (3 %-ige Lösung) gefestigt. Die vorhandenen Farbspritzer aus vorangegangen Überfassungsphasen waren zu minimieren und die Fehlstellen im Malereibereich wurden bis auf das Malschichtniveau mit einem Kreidekitt geschlossen. Anschließend hat man diese gekitteten Partien sowie die kleineren Fehlstellen mittels Tratteggioretusche farblich geschlossen. Als Retuschefarben kamen ,Golden Acrylics-Ü der Fa. Kremer zur Anwendung. Diese Farben besitzen eine sehr gute Licht- und Pigmentbeständigkeit und könnten im Falle einer Wiederabnahme der Retuschen mittels Ethylalkohl wieder abgenommen werden.


Schrifttafeln:

Bei den Schrifttafeln wurde eine reine Fassungskonservierung durchgeführt, da hier ein besserer Erhaltungszustand der Fassung anzutreffen war und eine Abnahme der 3. Fassung gleichzeitig den Verlust der jetzt sichtbaren Bibelzitate bedeuten würde. Zudem ist anzunehmen, dass der Zustand der darunter liegenden Inschriften nur fragmentarisch ist und eine Rekonstruktion dieser sehr aufwendig und restauratorisch nicht gerechtfertigt wäre. Der verbräunte Firnis aus der jüngsten Überfassungsphase wurde mittels Diacetonalkohol abgenommen. Anschließend erfolgten kleinere Kittungen mit einem Kreide-Leim-Kitt sowie die Retusche von Fehlstellen mit ,Golden Acrylics-Ü der Fa. Kremer.


Balkeneinschubdecke - Allgemeine Beschreibung der Balkeneinschubdecke

Dehio datiert den Kirchenbau mit 1656-58. Da wir im Bereich der Balkeneinschubdecke keine Anzeichen für eine Umbaumaßnahme feststellen konnten, stammt die Decke mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Erbauungszeit und ihre erste polychrome Fassung aus der unmittelbar darauf folgenden Zeit. Genauere Auskunft über das Alter der Balkeneinschubdecke könnte eine dendrochronologische Untersuchung ergeben.
Die Deckenbalken weisen als Verzierungen in Gestalt von Schiffskehlen auf. Zum Brettrand hin besitzt jedes zweite Brett, welches in die Balkenkonstruktion eingeschoben wurde, Profilierungen in Form von Hohlkehlen, wobei jeweils die am äußeren Brettrand gelegene als Schiffskehle ausgearbeitet ist.

Das Element der Schiffskehle nimmt stilistisch Bezug auf die Zeit der Gotik und wurde bereits
seit Ende des 15. Jahrhunderts und im 16. Jhd. häufig bei Fachwerkbauten verwendet.
GROSSMANN, G. Ulrich: Der Fachwerkbau. Das historische Fachwerkhaus, seine Entstehung,
Farbgebung, Nutzung und Restaurierung, Köln 1992, S.59, 119


Fassungsaufbau der Balkeneinschubdecke

Es sind drei Fassungen auf der Balkeneinschubdecke vorhanden. Wobei die erste Fassung nur noch in kleinsten Fragmenten auf der Decke diagnostizierbar ist. Allerdings konnte in dem äußerst schwer zugänglichen Bereich hinter der Orgel ein eindeutiger und relativ gut erhaltener Fassungsbefund lokalisiert werden. Er blieb vermutlich nur aufgrund der schlechten Zugänglichkeit erhalten und weist auch keine Überfassungen auf.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung (Mai 2003) war dieser Bereich nicht zugänglich, daher konnte diese Fassung in der Befunduntersuchung nicht festgestellt und dokumentiert werden.

Auf einem roséfarbenem Fond wurde in braun (vermutl. Oxidrot in Ausmischung mit Schwarz) eine lineare florale Gestaltung aufgebracht und mit Ocker partiell ausgelegt. Das Brett wurde zum Rand hin mit einem schwarzen Begleitstrich, im Sinne einer Schattierung, abgeschlossen. Der Mittelunterzug zeigt einen weißen Grundanstrich, der im Bereich der Schiffskehlen einen schwarzen Begleitstrich aufweist und in der mittig gelegenen Kehle mit einem Goldocker ausgelegt wurde.

Die zweite Fassung orientiert sich gestalterisch sehr stark an der ersten, jedoch greift sie als neuen Farbton Oxidrot auf und verstärkt hierdurch die Kontrastwirkung, der im Wechsel, ursprünglich Rosé-Weiß -gefassten Deckenbretter. In welchem Maße sich die Stilistik der floralen Ornamente geändert hat, kann aufgrund des geringen Fassungsbefundes der Erstfassung nicht aussagekräftig eingeschätzt werden. Da die erste Fassung auf der gesamten Deckenfläche nur noch in kleinsten Fragmenten vorhanden ist kann man davon ausgehen, dass sie vor der Ausführung der zweiten Fassung, vermutlich aufgrund größerer Schäden und/oder Fassungsverluste, größtenteils abgenommen wurde.
Die dritte Fassung wurde lediglich in Form einer Ausbesserung der Zweitfassung ausgeführt.


Konservatorische & restauratorische Maßnahmen an der Balkeneinschubdecke

Ziel der Konservierung und Restaurierung war der Erhalt der zweiten Fassung sowie die Fassungsrekonstruktion in Bereichen größerer Fehlstellen und Retusche sowie Ergänzung fehlender oder geschädigter floraler Elemente.

Im Vorfeld der Restaurierung wurde von den Restauratoren Antje Möllerund Rolf Möller eine Probefläche angelegt (Mai 2003). Hierbei wurden die schollenartig aufstehenden und die gekräuselt aufstehenden Malschichten sowie die sich lösenden Malereischollen mit einer Netze angefeuchtet um die Oberflächenspannung zu reduzieren. Als Festigungs- bzw. Klebemittel wurde Klucel E gelöst in Ethylalkohol angewendet.
Zu Beginn der Ausführung der Konservierung und Restaurierung wurde die Probefläche überprüft und festgestellt, dass in einigen Partien die Klebewirkung des Klucels nicht ausreichend war. In Folge dessen hatten sich einzelne Schollen wieder vom Träger gelöst. Weiterhin musste festgestellt werden, dass in einigen Partien die Malschicht abkreidete. Festigungsversuche mit Hausenblasenleim in verschiedenen Konzentrationen ergaben, dass eine ausreichende Haftung der Malschichtschollen nur mit relativ hohen Konzentrationen erreicht werden konnte. Diese verursachten eine Glanzbildung trotz Abnahme des Überschüssigen Klebemittels an der Oberfläche. Daher entschied man sich gegen eine Festigung mit Hausenblasenleim. Versuche zur Festigung der aufstehenden, gekräuselten und sich vom Untergrund ablösender Malschichtschollen mit Plextol B 500 in 2 - 3 %-iger Lösung ergaben eine gute Haftung der Malschichtschollen. Das Festigungsmittel konnte nach der Staubabnahme mit Hilfe eines Zerstäubers aufgebracht und nach einer kurzen Einwirkzeit mittels eines mit Folie umwickelten Wattetupfers niedergelegt werden. Überschüssiges Festigungsmittel wurde im Anschluss mit Mikroschwämmchen vorsichtig abgenommen. Der Festigungsvorgang wurde vor allem in stark geschädigten Bereichen mehrfach durchgeführt um die ausgemagerten, spröden und spannungsreichen Malschichten wieder mit Bindemittel anzureichern.
Kleinere Fehlstellen der floralen Ornamente wurden mittels Totalretusche ergänzt. In Bereichen größerer Fassungsverluste wurde die Ornamentik rekonstruierend ergänzt. Für die Fondbereiche der weißen Deckenbretter entschied man sich aus finanztechnischen Gründen diese flächig neu auszulegen, ebenso wurden größere Fehlbereiche des oxidroten Fonds behandelt.


Münsingen Reform. Kirche - Farbfenstersanierung Aufsicht
Münsingen
Aufsicht



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