Schinkels Molkenhaus

Karl Friedrich Schinkels Molkenhaus

Das "unter seinen frühen Bauten erheblichste und von eigentümlichster Anlage"1

Das Molkenhaus in Bärwinkel / Neuhardenberg im Landkreis Märkisch Oderland
erstes Hauptwerk des jungen Karl Friedrich Schinkel


molkenhaus gesamtansicht
Wilma Rambow
Wiedebachstr. 02
04277 Leipzig

1 Waagen, Gustav Friedrich: Carl Friedrich Schinkel als Mensch und Künstler, in: Berliner Kalender auf das Schaltjahr 1844.

Allgemein

Als Schinkels frühestes Hauptwerk gilt inzwischen gemeinhin das ehemalige Molkenhaus in Bärwinkel, etwa 10 km nördlich von Neuhardenberg, im Landkreis Märkisch Oderland.

 
Das um 1800 dem Gut Neuhardenberg zugehörige Vorwerk1 umfasste neben diesem in Architektur und Funktion herausragenden Bau, weitere umliegende Nutzbauten. Ställe und Scheunen waren in einem kleinteiligen, nach dem Vorbild englischer Landschaftsgartengestaltung kultivierten Areal eingebunden. Die Idee von der „ornamented farm“ wurde hier in der zweifachen Zweckbestimmung des Vorwerkes als Milchvieh- und Agrar- Produktionsstätte aber auch als zweckfreie, schmückende, sich selbst gefälliges Ensemble, welches der Erholung in der Funktion eines Ausflugszieles für die herrschaftlichen Kreise aus „Quilitz“ (dem heutigen Neuhardenberg) diente, Realität.



Das 1803 fertiggestellte Molkenhaus wurde von Schinkel im Bautypus einer dreischiffigen Basilika entworfen, mit erhöhtem Mittelschiff/ Langhaus, zwei seitlichen Schiffen und einem östlichen Querhaus. Rundbogige Fenster- und Türöffnungen, sowie runde Okuli- Fenster belichten und erschließen den Bau.

In seiner Architektursprache und nach seiner Entstehungszeit wird dieser vermeintlich unscheinbare Zweckbau kunsthistorisch mittlerweile als Initialzündung für das Bauen in neo- romanischer Manier in Deutschland angesehen.

Erdgeschoß und Obergeschoß des Mittelschiffes werden in verschieden große Räume untergliedert, die der derzeitigen Doppelnutzung geschuldet sind, aber teils auch bauzeitlichen Raumgrenzen entsprechen.

Das südliche Seitenschiff ist ein einziger Raum, welcher mit einer aus einzelnen Segmentbögen bestehenden Decke überwölbt ist.

Im Bereich des nördlichen Langhauses erfuhr der Bau nach wie vor sichtbare Umbauten im Außen- und Innenbereich. Der schon zur Bauzeit für Wohnzwecke geplante und genutzte Bereich ist heute zweigeschossig.

Nach Westen ist der Bau um einige Meter verlängert worden.

1 Der Begriff Vorwerk bezeichnet eine Alternative zur direkten, ortsnahen Gutserweiterung nämlich dem eigentlichen Gut entfernt liegende, „vorgelagerte“ Agraranlage

Historischer Exkurs

Bau- und Nutzungsgeschichte liegen vor allem in der agrarhistorischen Entwicklung dieser Gegend begründet.
Die Region des nordöstlich von Berlin gelegenen Oderbruchs erfuhr im gesamten 18. Jahrhundert massive Eingriffe und Veränderung seiner Landschaftsstruktur.

Unter Friedrich II. wird die kultivierte Nutzung der Region massiv infolge der so genannten Agrarrevolution belebt und umstrukturiert.

Der Sitz des Gutes, zu welchem auch Bärwinkel zählte, lag im damaligen Quilitz, dem heutigen Neuhardenberg, etwa zehn Kilometer südlich Bärwinkels gelegen. Zur neuen Landwirtschaftsorganisation gehörte die Gründung von Vorwerken. Das Ansinnen, ein solches in Bärwinkel zu schaffen, entstand bereits in den 1790er Jahren.

Das Entstehen milchverarbeitender Kleinbetriebe in den sogenannten Molkenhäusern entsprach nicht zuletzt auch dem Geschmack, quasi dem Lebensmitteltrend der Zeit. Milch zu trinken, Milchprodukte zu sich zu nehmen stand mehr und mehr für eine gesunde Lebensweise, galt aber auch als feines, edles Nahrungsmittel für die wohlhabendere Gesellschaft. Dementsprechend sollte auch im Molkenhaus Bärwinkel für den Bedarf an solcherlei Spezereien im Gut Quilitz gesorgt werden.

Bau- und Nutzungsgeschichte - Schinkels Molkenhaus

Das Vorwerk Bärwinkel wurde in den Jahren 1801-1803 nach Plänen Schinkels errichtet. Schinkel, welcher ein Jahr vor Baubeginn quasi das Erbe Friedrich Gillys übernahm, d.h. mit der Fortführung seiner begonnenen und geplanten Projekte (vor dessen Ableben während eines Kuraufenthaltes) durch Gilly selbst betraut wurde, begann dies gerade einmal im Alter von 19 Jahren!

Als ursprüngliche Nutzung des Molkenhauses war im Bereich des Nordschiffes die Wohnung des Vorwerk- Verwalters untergebracht.

Im Südschiff war die Käsekammer integriert.

Das Mittelschiff diente im Erdgeschoß der Aufbewahrung und Verarbeitung der Milchprodukte. Das Obergeschoß wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Versammlungsort einer Freimaurerloge genutzt. Hierfür sprechen u.a. auch die Anordnung der Fenster. Ein abgeschlossener, von außen nicht einsehbarer, intimer Raum wurde hier geschaffen, welcher sich hervorragend für solche Versammlungszwecke anbot. Diese Art der Nutzung lässt auch Schlussfolgerungen auf die Wahl des Bautypus zu. Die Funktion als Versammlungsort bekam eventuell im Entwurfskonzept ihre Entsprechung in der Form einer Basilika. Eventuell bezog sich Schinkel hierbei auf die ursprüngliche, d.h. antike Funktion von Basiliken, welche eben nicht sakraler, sondern profaner Art war, nämlich als Versammlungsort in den Stadtzentren.

Die fortführende Nutzungsgeschichte verlief weniger kontinuierlich. Wie bereits erwähnt, machten Einbauten mehrerer Wohneinheiten den Bau zu einem seiner ursprünglichen Nutzung zeitweise entfremdeten Objekt. Dramatischer für das Molkenhaus in seiner materiellen Substanz waren jedoch die Phasen von ausbleibender Nutzung. Diese bedeuteten Verfall einzelner Bauglieder des Molkenhauses und natürlich auch der umliegenden, zum Vorwerk gehörenden Komplexe.

Wann die anfängliche Nutzung als Molkenhaus eingestellt wurde, ist nicht genau nachzuvollziehen.

Das gesamte Ensemble als auch das Molkenhaus erfuhren im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Umbaumaßnahmen.

Die äußere Hülle des Molkenhauses scheint die ersten neunzig Jahre seines Bestehens unverändert geblieben sein.

Eine der ersten Veränderungen im Innenbereich geschah im Jahre 1840 (Einziehen des Gewölbes über der Käsekammer im südlichen Querschiff, Umbauten in der Käsetrokenkammer).

Zu umfangreichen Umbauten kam es im Jahre 1894 und Folgejahre. Hierbei wurden beide Seitenschiffe aufgestockt, nach Westen hin verlängert.

Das Molkenhaus wurde zu dieser Zeit auch verputzt.

Durch die weitreichenden Umbaumaßnahmen, besonders um 1900 wurde die Silhouette, das äußere Erscheinungsbild des Baus so stark überformt, dass die Wahrnehmung der ursprünglichen Kubatur nur noch partiell möglich war.

Der Charakter der neoromanisch- basilikalen Architektur wurde von der zeitgenössischen Architektursprache um 1900 dominiert. Der Bau hatte in seiner äußeren Erscheinung eine Entwertung zum gewöhnlichen Wohnhaus erfahren.

Weitere große Umbaumaßnahmen erfolgten dann im Jahre 1948. Seit diesem Jahr verläuft auch eine Grundstücksgrenze mitten durch das Gebäude, d.h. nahezu entlang der Raumgrenzen des nördlichen Schiffes.

In diesem Bereich erfuhr das Molkenhaus in den Nachkriegsjahren substantielle Umbaumaßnahmen. Dabei wurden u.a. sowohl die ursprünglichen Grundrisse der einzelnen Räume, die Anordnung der Fenster- und Türöffnungen, als auch der Verputz im Innen- und Außenbereich verändert bzw erneuert. Die neuen Nutzungsansprüche dominierten dabei den bauhistorisch-schutzwürdigen Charakter der Anlage.

Raseneisenstein als lokales Baumaterial von hoher Qualität

Das Baumaterial des gesamten Baus, auch die heute teils ausgetauschten, ergänzten oder überputzten Fassadenflächen war ursprünglich lokaler Raseneisenstein. Dessen Qualitäten liegen u.a. in seinem rein ästhetischen Wert durch dessen beeindruckende Farbwirkung, die eine Skala von leuchtend rot bis hin zu warmem, sattem tiefbraun, je nach Oxidationsgrad, bzw. Eisenanteil im Gestein, entfalten kann.

 


In Farbe und Gestalt wird das in seiner Oberflächenbeschaffenheit nahezu naturbelassene, rohe Material selbst zum Fassadengestaltungsmittel, ja nahezu bereits zur Schmuckform.

Desweiteren lässt es sich in ganz verschiedene Größen und Formen behauen und einsetzen. Ein weiterer Vorteil ist seine poröse Substanz, d.h. die Vielzahl von Lufteinschlüssen sind thermisch vorteilhaft für den gesamten Bau.

Als Ornament im Außenbereich setzt Schinkel Backstein ein, den er zur Rahmung der Fensterleibung nutzt sowie Traufkanten damit ausführt. Aus Backstein sind auch die Bänder aus zu Rundbögen zusammengesetzten Viertelrund, bzw. L- förmigen Steinen, die bis auf Auslassungen an den Gebäudeecken, den Bau umlaufend zieren.

Denkmal / Restaurierungskonzept / denkmalpflegerische Zielstellung

Unter Denkmalschutz stand bis 1990 lediglich das Querhaus. Dieses war über die Jahre hinweg der originärste Komplex des Baus geblieben. Erst mit der Übernahme des Baus und des gesamten Areals durch ein Berliner Architekturbüro und dessen intensivem Engagement für das nahezu in seinem hohen kulturhistorischen Wert vergessene Objekt, konnte das gesamte ehemalige Vorwerk als Ensemble in die Denkmalliste aufgenommen werden.

Seine Denkmaleigenschaften sind höchst komplex. Die Denkmalwerte beziehen sich auf dessen hohen kunst- und architekturhistorischen Rang. Aber auch regional- und agrarhistorisch, kulturhistorisch und natürlich nicht zuletzt als in seiner Urheberschaft als höchst prominent zu bezeichnendes Gebilde, ist dessen Schutzwürdigkeit unzweifelhaft.

Anfang der 1990er Jahre kam es zur Gründung eines Fördervereins für den Erhalt und die Nutzung des Molkenhauses und zu ersten baulichen Maßnahmen zum Schutz und Erhalt des Objektes. Bis Mitte der 90er erfolgten Bestandsaufnahme, umfassende Sicherungsmaßnahmen am Objekt und erste Instandsetzungen. Es folgten ausführliche Rückbaumaßnahmen - wo es eindeutig möglich war- auf bauzeitlichen Zustand. Sowohl im Außen- als auch im Innenbereich. wird mit der Sichtbarmachung bzw. Wiederherstellung der bauzeitlichen Beschaffenheit begonnen.

Für die Durchführung von Rückbaumaßnahmen spricht nicht zuletzt die Prominenz des Architekten Schinkel. Als Frühwerk mit herausragenden Qualitäten zu bewerten, in seiner Einzigartigkeit und auch als regionale Einzelerscheinung ist es unbedingt so weit wie möglich wieder an den originalen Zustand anzunähern.

Alle durch überlieferte Schriftzeugnisse, Zeichnungen, etc. oder aber anhand der Bausubstanz nicht eindeutig als bauzeitlich zu datierendes Material, ist nach den entwickelten denkmalpflegerischen und architektonischen Prämissen als solches nachvollziehbar zu gestalten.

Das heißt auch, daß neue Zutaten keinen rekonstruktiven Charakter haben sollen, sondern als moderne Ergänzung erfahrbar sein sollen. Moderne Zutaten sollen hierbei nicht als „Kontrastprogramm“ dem Denkmal angefügt oder integriert werden, sondern unter Beachtung ästhetisch- optischer Werte harmonisch angegliedert sein. Alles, was modern angefügt ist, hat sich dem Zustand des Bestandes unterzuordnen, sich seinen Maßgaben, z.B. Farbe und Material betreffend, unterzuordnen.

Der Erhalt und die Ablesbarkeit baugeschichtlicher Spuren sollen dabei aber ebenfalls richtungsweisend für die Sanierungs- und Restaurierungsvorhaben sein.

Als geschütztes Ensemble betreffen diese Zielstellungen nicht allein das bisher nahezu einzig mit denkmalpflegerischer und kultureller Fürsorge bedachte Gebäude des Molkenhauses. Diese Maßgaben sollen zukünftig auch am gesamten ehemaligen Vorwerk, mit seinen ursprünglich gestalteten Freiflächen, als auch den dazugehörigen Nutzbauten realisiert werden.

Idee und Umsetzung der musealen Nutzung

Bereits in den frühen 90er Jahren, also kurz nach Aufnahme des ehemaligen Vorwerks in die Denkmalliste, entstanden erste Ideen und Entwürfe für die Schaffung eines Museums im Molkenhaus.

 
Nach dem Museumskonzept soll der Bau zum einen sich selbst als architekturhistorischer Artefakt präsentieren, des weiteren entsteht das Konzept für eine dauerhaften Ausstellung zu Geschichte und Gestalt des Vorwerkes und zu Schinkels früher Schaffensphase. Seit 2006 ist nun im Innenbereich über beide Etagen eine Ausstellung- bisher ganz bewusst auch provisorischen Charakters- zu sehen, die u.a. auch das erweiterte zukünftige Museumskonzept thematisiert.

Auch für die museale Innenausstattung gilt die gleiche Konsequenz wie für die Architektur an sich- alles rekonstruktive- hypothetische wird möglichst vernachlässigt.

Zentral hierbei ist auch das Gesamtkunstwerk erstens wieder als solches ins Bewußtsein zu rufen und durch die Ausstellung auch mögliche zukünftige denkmalpflegerische Maßnahmen außerhalb des Molkenhauses zu präsentieren. Die Aura der „ornamented farm“ soll im Idealfall wieder erlebbar werden, zumindest soll das ursprüngliche Anliegen z.B. durch Sanierungen, Rückbau und andere Möglichkeiten der schonenden Revitalisierung wieder nachvollziehbar gemacht werden.

Quellen, Literatur, Bilder - Schinkels Molkenhaus

Nachfolgend ausführliche Informationen zu den Quellen, der verwendeten Literatur und verwendeten Bilder in dem Artikel "Schinkels Molkenhaus" von Wilma Rambow.

Fotos
Wilma Rambow (2007)

Literatur
  • Augustin, Frank: Das Molkenhaus in Bärwinkel/ Neuhardenberg. Konzept für der Ausbau des Baudenkmals zu einem Museum, 2002.
  • Augustin, Frank/ Peschken, Goerd (Hrsg.): der junge Schinkel 1800- 1803, Ausstellungskatalog zum Molkenhaus in Neuhardenberg- Bärwinkel, 2006.
  • Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band 2, Das Oderland, Rolf Toman (Hrsg.), 1997.
  • Hubel, Achim: Denkmalpflege. Geschichte, Themen, Aufgaben, 2006.
  • ICOMOS (Hrsg.), darin: Petzet, Michael: Grundsätze der Denkmalpflege, 1992.
  • Möller, Hans Herbert: Lebenswerk Schinkel, Band Mark Brandenburg, 1960.
  • Peschken Goerd: Der Anfang der Backstein- Neuromanik, in: Badstübner, Ernst/ Albrecht, Uwe (Hrsg.): Backsteinarchitektur in Mitteleuropa, 2001.
  • Petzet/ Mader: Praktische Denkmalpflege,1993.
  • Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalpflege (Hrsg.): Das Baudenkmal in der Hand des Architekten. Umgang mit historischer Bausubstanz, 1988.
  • Waagen, Gustav Friedrich: Carl Friedrich Schinkel als Mensch und Künstler, in: Berliner Kalender auf das Schaltjahr 1844.

Web-links

www.foerderverein-baerwinkel.de
www.frank-augustin-architekt.de
www.neuhardenberg.org/architektur.htm#Vorwerk
www.verein-museum-europaeischer-kulturen.de/baer-peschken.htm
www.neuhardenberg.org
www.schinkelsche-bauakademie.de
www.schlossneuhardenberg.de/geschichte/kirche.html
www.brandenburg-info.com/mol/f_neuhardenb.htm
www.schinkel-kirche.de
www.oderbruch-tourismus.de/AufTour/auftour8
 


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