Notendruckerei C.G.Röder

Notendruckerei C. G. Röder

Geburtsstunde des Stahlbetons in Deutschland

 
Notendruckerei: Gesamtansicht Süd

Die ehemalige Notendruckerei
C. G. Röder - Perthesstr. 03 in Leipzig / Zentrum-Ost

Wilma Rambow
Wiedebachstr. 02
04277 Leipzig

Zur Bau- und Firmengeschichte

Leipzig als Zentrum deutschen und internationalen Verlags-, und Buchdruckerwesens erlebte seine größte Expansion und Blüte im 19. und 20. Jahrhundert. Diese Hochzeiten Leipzigs als Verlags-, und Buchstadt gehören mittlerweile der Vergangenheit an- man büßte an Bedeutungsgröße ein. Die Verlags-, und Druckereigebäude, vornehmlich im Osten der Stadt, aber auch im gesamten Stadtgebiet verteilt, sind mittlerweile Industriedenkmal, großflächige Brache, Industrieruine, umgenutzter, großzügiger Wohnraum mit offenen Grundrissen- sog. „Lofts“- oder sind sonstiger Umnutzung zugeführt. Nur noch selten sind sie in ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung verblieben.

 


Das Industriedenkmal dieser Kategorie, welches hier vorgestellt wird, wurde erst vor wenigen Jahren in seiner bautechnischen Einzigartigkeit - als erster im System Hennebique errichteter Stahlbetonbau Deutschlands - erkannt.

Der Notenstecher und Drucker C. G. Röder, bereits seit den 1840er Jahren in Leipzig ansässig, kaufte im Jahre 1873 das südlich an das durch den bedeutende Verleger Julius Meyer errichtete „Bibliographische Institut“ angrenzende Gelände. Meyer hatte gemeinsam mit dem Leipziger Architekten Max Pommer seit 1886 verschiedene Projekte im Bereich des sozialen Wohnungs- und Siedlungsbaus in Leipzig verwirklicht. Pommer war in den frühen 1880er Jahren in der Stadt auch als Entwerfer zahlreicher Villenbauten- bereits 1883 für den Verleger Meyer- in Erscheinung getreten. Diese Bauten errichtet er vornehmlich im Stil italienischer Renaissance. Pommer wird von Röder ab dem Jahre 1890 mit diversen Entwürfen für Druckereigebäude beauftragt. Die Zeit der umfassendsten Erweiterungsmaßnahmen für C.G. Röder geht einher mit dem wirtschaftlichen Zuwachs des Betriebes. Röder nutzt seit 1890 die Technik des Lichtdruckverfahrens, expandiert immer mehr, wird neben der Herstellung von Musikalien auch bedeutender Hersteller von Postkarten und Buchproduzent von hoher Qualität. 1900 ist Röder die erste Druckerei in Deutschland, in der eine Offsetdruckmaschine zum Einsatz kommt. Es ist die Blütezeit des so genannten „Grafischen Viertels“ Leipzig. Namen wie F. A. Brockhaus, Breitkopf und Härtel, Ph. Reclam jun. konzentrieren sich hier und produzieren um die Jahrhundertwende in enormen Auflagen. Um 1900 zählt Leipzig ca. 2000 Betriebe des Buchdrucks und Verlagswesen.

Im Frühjahr des Jahres 1898 reicht Max Pommer den Bauantrag für den Erweiterungsbau in der Perthesstrasse ein. In seinen ersten Entwurfsplänen sind die Decken als Stahlsteindecken konzipiert. In den Hallen tragen gusseiserne Stützen die Konstruktion. Im Dachgeschoss werden diese durch Holzbalken ersetzt. Im Zuge der weiteren Entwurfsplanung werden Zeichnungen von Max Pommer erstellt, in denen die Stützen lediglich als Kreuze angegeben sind. Hierzu werden statische Berechnungen eingereicht von einem Büro, welches sich selbst nicht benennt und die eine Konstruktion nach dem bereits in Frankreich angewendeten „System Hennebique“ zur Grundlage haben. Pommer ist der erste in Deutschland, der dieses System auf einen kompletten Bau anwendet. Eventuell hatte er bereits den Plan für die Errichtung in diesem System, hielt dieses nur aus begründeter Befürchtung einer Nicht- Genehmigung bei den ersten Zeichnungen und Bauantrag zurück.

Nach anfänglichen, baugenehmigungspflichtigen Schwierigkeiten kann der Bauteil in der Perthesstrasse bereits im Januar 1899 abgeschlossen werden.

Das gesamte Areal des Meyerschen Bibliographischen Instituts, als auch die Notendruckerei Röder war durch Sprengbomben des zweiten Weltkrieges stark beschädigt und teils zerstört. Lediglich die in Stahlbeton ausgeführten Bauglieder1 blieben in weiten Teilen erhalten. Größere Schäden gab es in der Perthesstrasse in den Decken, die z. T. Verschiebungen und Risse aufwiesen, Abplatzungen im Beton und dadurch bedingte Korrosion des Stahls. Das Dachgeschoß ging komplett verloren und einige Räume in den oberen Etagen waren ausgebrannt. Der Schadensumfang war jedoch von reparablem Ausmaß.

Nach dem Krieg existierte die Notendruckerei mit abnehmendem Erfolg noch bis in das Jahr 1972. Dann erfolgte die Verstaatlichung des Betriebes zum Betrieb „Offizin Martin Andersen Nexö“, die bis zum Ende der DDR produzierte. Das Gebäude kam in Besitz der damaligen Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG). 1991 erwarben einige ehemalige Mitarbeiter der Druckerei die Abteilung Lichtdruck und führten diese weiter als „Lichtdruck- Werkstatt GbR“. Die Druckereimaschinen wurden zu jener Zeit unter Denkmalschutz gestellt. Im Winter 1994/95 werden der GbR die Räume durch den Eigentümer gekündigt. Mit hohem Kostenaufwand gelangte die Druckereinrichtung in die Nonnenstraße in Leipzig/ Plagwitz, wo sie heute zu musealen Anschauungszwecken im Druckgrafischen Museum integriert sind und vom Verein „Lichtdruckkunst- Leipzig e.V.“, der aus der zwangsläufig aufgelösten GbR hervorging, auch genutzt werden.

Im Jahre 2003 lässt die TLG die umliegenden Gebäudeteile abreißen. 2004 stellt der Eigentümer den Antrag auf Abriss des Gebäudes in der Perthesstrasse. Die Stadt Leipzig lehnt diesen Antrag ab, die TLG legt hierauf Widerspruch ein. Im Mai 2005 wird diesem Widerspruch stattgegeben, das oberste Denkmalgremium des Regierungspräsidiums erlässt eine Abrissgenehmigung. Damit steht der Verlust des Denkmals kurz bevor, da die Abrisspläne bereits für 2006 vorliegen. In letzter Minute kann der Abriss verhindert werden.

Die herausragende Bedeutung als erster Stahlbetonbau Deutschlands und der darin begründete Denkmalstatus konnte nach Prüfung der Aktenlage noch 2005 herausgestellt werden .

1 Nach 1900 entwarf Pommer noch weitere Bauglieder im System Hennebique für Röder, u.a. am Gerichtsweg, Hofüberdachungen etc..

Baubeschreibung

Der 1899 errichtete Bau besteht aus vier Hauptgeschossen und einem Kellergeschoß. Das heute nicht mehr vorhandene Dachgeschoß war als Halbgeschoß mit Mezzanin- Fenstern und darüber befindlichem Walmdach ausgeführt.

 
Die östliche Fassade zur Perthesstrasse gliedert sich in 8 Fensterachsen, wobei einzelne Fenster teilweise zu Zwillingsfenstern zusammengefasst werden. Alle Fenster werden durch Segmentbögen in sichtbarem Ziegelmauerwerk überfangen. Die übrige Fassade besteht aus hell verputztem Ziegelmauerwerk. Die innere Konstruktion ist vollständig in Stahlbeton, im System Hennebique, ausgeführt. Der im nördlichen Teil des Gebäudes liegende Zugang mit Treppenhaus erschließt alle Etagen.

Bis auf Räume sanitärer oder versorgungstechnischer Funktion sind die einzelnen Etagen- der ehemaligen Nutzung als Druckerei entsprechend- als große Hallen ausgeführt.

Zur Besonderheit der Konstruktion / Bautechnik

Das Konstruktionsprinzip des „System Hennebique“ ist das erste komplett aus Stahlbetonelementen bestehende Bausystem, welches auf gesamte Bauten- bzw. Hallenkonstruktionen angewendet werden konnte, also auch beliebig erweiterbar war. Bestehend war dieses aus Haupttragwerk, Nebentragwerk, Stahlbetondecken und dem Stützensystem.

In der Anfangszeit des Stahlbetonbaus waren die Stützen noch mit Vouten versehen, die aus dem bekannten und bewährten Holz- und Stahlbau übernommenen wurden. Typisch für die frühen Konstruktionen sind auch die horizontal liegenden Bleche, welche die langen Bewehrungsstäbe umfassten. Dieses modernste Bausystem der Zeit, vom französischen Ingenieurs François Hennebique entwickelt, ermöglichte erstmals in der Baugeschichte den Einsatz des eisenarmierten Betons als komplettes, robustes und monolithisch wirkendes Tragsystem für Ingenieure und als expressives Gestaltungselement für die Architekten der Moderne.

Es wurden ganz neue Stützweiten und damit besonders im Industriebau weitaus freiflächigere Hallensysteme realisierbar, wenngleich dies in der Experimentierphase noch sehr zurückhaltend umgesetzt wurde.

Zum Erhaltungszustand

Die bauliche Substanz und deren Erhaltungszustand des Baus ist momentan als gut zu bezeichnen.<sup><font size="-3">2</font></sup> Die optisch dominierenden Schäden am Stahlbeton sind oberflächlicher Art, d.h. sie betreffen die Abblätterungen von Farbschichten auf dem Beton. Abplatzungen sind nur in geringem Ausmaß festzustellen. Dort, wo Armierungen frei liegen, sind diese von Korrosion angegriffen.

 
Das Mauerwerk der Fassade ist von Salzausfällungen mehr oder weniger überzogen. Der Verputz an der Außenfassade ist in weiten Teilen erhalten. Scheinbar am stärksten geschädigt ist der Dachbereich. Dieser erfuhr nach dem Krieg und dem Verlust des Dachgeschosses keine Rekonstruktion, bzw. Wiederaufbau. Eine fachgerechte, detaillierte Bestandsaufnahme mit Schadensanalyse blieb bisher aus.

Problematisch bei den frühen Stahlbetonkonstruktionen ist die Bemessung und Ausführung der Bewehrungen. Häufig ist die Armierung statisch nicht ausreichend, da z.B. Bügel, ohne ins Armierungssystem eingebunden zu sein, im Beton liegen.

Die Zusammensetzung und Dichte des Betons war durch die noch handwerkliche Verarbeitung nicht homogen und damit von unterschiedlicher Qualität.

2 Hierbei orientiere ich mich an den Aussagen zur derzeitigen Materialqualität von Herrn Dieter Pommer, der selbst Jahrzehnte die Stahlbetonfirma Pommer leitete, sich mit Stahlbetonsanierung und Stahlbeton im Denkmalbereich befasste, dies immer noch tut und der mir bei der Objektbegehung zur Seite stand.

Aktuelles

Das Traditionsunternehmen Pommer zeigt bis heute als POMMER Spezialbetonbau GmbH Leipzig Kompetenz und ist nicht zuletzt auch in der denkmalpflegerischen Betonsanierung historischer Industrie-, und Gewerbebauten aktiv.

Für das Industriedenkmal der ehemaligen C. G. Röder Notendruckerei hat sich mittlerweile ein Investor gefunden. Über zukünftige Umbau-, und Umnutzungspläne ist jedoch noch nichts bekannt.

Quellen, Literatur, Bilder - Notendruckerei

Nachfolgend ausführliche Informationen zu den Quellen, der verwendeten Literatur und verwendeten Bilder in dem Artikel "Notendruckerei C.G.Röder" von Wilma Rambow.

Literatur
Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz (Hrsg.): Das Denkmal als Altlast. Auf dem Weg in die Reparaturgesellschaft. Tagung des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS und der Lehrstuhl für Denkmalpflege und Bauforschung der Universität Dortmund und der Kokerei Hansa. München 1996. Hefte des Deutschen Nationalkomitees, 21.

Grunsky, Eberhard: Denkmalpflege und Investitionen. In: Altstadt- City- Denkmalort. Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland 1995. Hamburg 1995.

Haspel, Jörg: Die Umnutzung denkmalgeschützter Bauten der Industrie und Infrastruktur- die Sicht des Denkmalpflegers. In: Straßenbahndepot- Markthalle. Ein Berliner Baudenkmal verändert sich. Berlin 1998. S. 103 ff.

Krieg, Stefan W.: Sozialreform und Stahlbeton. Max Pommer - ein Pionier auf vielen Gebieten. In: Leipziger Blätter. Heft 47, Leipzig 2005. S. 71ff.

Ruffert, Günther/ IRB (Hrsg.): Instandhaltung von Industrie- und Verwaltungsbauten aus Beton. Düsseldorf 1986.


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