Villa Thomana

Wie "Villa Ledig" zur "Villa Thomana" wurde

Zur Geschichte und Restaurierung einer ehemaligen Kaufmannsvilla

im Leipziger Musikviertel
(Sebastian-Bach-Str. 03)

Villa Thomana: Fassade
Wilma Rambow
Wiedebachstr. 02
04277 Leipzig

Der Architekt Max Pommer (04.04.1847 Chemnitz - 05.07.1915 Leipzig)

Zur Erbauungszeit der Villa in der Sebastian-Bach-Str.03 war Max Pommer in Leipzig noch ein nahezu unbekannter Bürger. Als angestellter Bauzeichner bzw. Architekt hatte er bis in die frühen 1880er Jahre keine eigenen Entwürfe verwirklichen können. Zu dieser Zeit war es noch nicht absehbar, welch bedeutende Rolle er für das Leipziger Bauen der nächsten Jahrzehnte spielen sollte.

 
Villa Thomana: Supraporte
Initialen des Architekten Max Pommer als Supraporte in Sandstein, Hillerstr. 09/Leipzig
(Pommers ursprüngl. Familien,- und Firmensitz, mehrgeschossiges Wohnhaus, nach seinem Entwurf errichtet)

Unter massiven anfänglichen Schwierigkeiten, als selbständiger Architekt in der Stadt Leipzig Fuß zu fassen, kamen ihm im Laufe der Jahre mehrere Kontakte zu Leipziger Bürgern sehr zu Gute. Als bedeutendster ist wohl der zu dem Verleger Hermann Julius Meyer zu nennen. Für den von ihm gegründeten „Verein zur Erbauung billiger Wohnungen“ (heute „Stiftung Meyersche Häuser e.V.“) entwarf er in späteren Jahren die jeweiligen Wohnsiedlungen. Doch bereits vor dieser Zeit wurde Pommer mit den verschiedenen Projekten, vorrangig im Musikviertel, betraut. Hierbei konzentrierte sich seine Entwurfstätigkeit zum Großteil auf Villenbauten. 21 von etwa 70 Villen im Viertel entstammten einem Pommerschen Entwurf. Viele der Villen sind kriegszerstört. Die meisten der noch erhaltenen befinden sich entlang der heutigen Käthe- Kollwitz- Straße.

Um 1900 war er Pionier des Stahlbetonbaus in Deutschland. Die Firma Spezialbetonbau Pommer existiert bis zum heutigen Tag. Daneben entwirft er auch weiterhin Wohn- Geschäfts- und Villenbauten.

Max Pommer vereinte in seiner facettenreichen Person sowohl entwerferische, sozialreformerische, ingenieurtechnische und unternehmerische Fähigkeiten.

Bau- und Nutzungsgeschichte - Villa Thomana

Mit ihrer Bauzeit zwischen 1881 und 1883 ist die Villa in der Sebastian- Bach- Str. 03 die zweite Villa in Leipzig, die auf dem Reißbrett des Architekten Max Pommer entstand.

 
1881 ergeht der Bauantrag durch den Kaufmann Friedrich Willibald Ledig, welcher das Grundstück im selben Jahr erwirbt, an das städtische Bauamt. Am 12.03. 1883 ist der Bau abgeschlossen1.

Ledig beauftragt Pommer mit dem Bau einer Villa für Wohnzwecke für sich und seine Familie.

Das Erdgeschosses mit seiner aufwändigen Ausstattung und bürgerlich- herrschaftlichen Raumfolge aus Entrée, Vestibül, Speisesaal, Salon, Veranda und entsprechenden Wirtschaftsräumen bestehend, diente ursprünglich wohl vornehmlich repräsentativen Zwecken. Die alltägliche Wohnnutzung hat im oberen Geschoß stattgefunden, was die historischen Grundrisse belegen.

In späteren Jahren wurden die Räume im EG durch Umbaumaßnahmen auch alltäglichen Wohnzwecken zugeführt.

Aus den Bauakten geht hervor, das bis in die 30er Jahre die „Ledigschen Erben“ fortwährend sowohl Eigentümer als auch Bewohner des Hauses waren2. das Erdgeschoß wurde bereits 1936 teils als Wohnraum vermietet. 1936 war ein Herr Major Ledig Eigentümer der Villa. Über die folgenden Jahre, bis zum Jahre 1948, sagen die Akten nichts aus.

Das Gebäude erlitt erhebliche Kriegsschäden.

Erst im Jahre 1948 ist in den Bauakten ein Antrag auf Ausbau einer Wohnung in der ersten Etage nachzuweisen. Bauherr ist u.a. das „Gustav- Adolf- Hilfswerk der evangelischen Kirche“, dessen Zentralleitung zu jener Zeit in Leipzig war.

Aktenvermerke aus dem Jahre 1955 lassen erkennen, dass nach wie vor die baulichen Mängel aufgrund der Kriegsschäden nicht behoben wurden. Das Gebäude ist immer noch mit einer provisorischen Pappdeckung versehen, Dachrinnen und Außenputz fehlen in weiten Teilen, Hausschwammbefall hat sowohl den Kellerbereich als auch bereits die Küche im Erdgeschoß ergriffen.

Die starken Kriegsschäden betrafen ebenso den Innenraum.

Anfang des Jahres 1958 ergeht in Folge eines Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Leipzig über den Wiederaufbau der noch teilzerstörten Grundstücke ein Schreiben an den Eigentümer, das Gustav- Adolf- Werk. Darin wird der Wiederaufbau der Villa angekündigt, was jedoch sofort wieder zurückgenommen wird und anstelle der Villa in der Sebastian-Bachstr. 03 eine andere Villa in der Käthe- Kollwitz- Str. 29 für den Wiederaufbau für würdig befunden wurde. Mit dieser „Absage“ an die „Villa Ledig“ begann die Preisgabe an den fortlaufenden, tolerierten Verfall der Villa, die viele Jahrzehnte währte.

1958 wurden die Räumlichkeiten zu Wohnzwecken für nicht nutzbar befunden.

Die Situation um das Gebäude spitzt sich soweit zu, dass im November 1961 durch den Stadtbaudirektor an den Bauherrn die Nachricht ergeht, „das Gebäude auf dem Grundstück wird daher verworfen“3. Die Sanierung sei zu teuer, es bestünde de facto kein nutzbarer Wohnraum mehr und die Mieter sollen bis zum Folgejahr das Haus verlassen. Den Mietern wird Fristverlängerung gewährt.

Im Jahre 1964 erfolgt eine Ortsbesichtigung, auf der festgestellt wird, dass das Haus zwar verworfen, d.h. zum Abriss bestimmt, jedoch immer noch bewohnt ist, und somit der nun nah geplante Abriss nicht erfolgen kann.

Danach scheint das Vorhaben des Abrisses at acta gelegt worden zu sein.

Erst in den 90er Jahren erwacht das Interesse an Gebäude und umgebendem Gelände neu.

Die ehemalige Villa Ledig ist nach ihrer Sanierung und Restaurierung in den Jahren 2007 und 2008 einer neuen, ihrem kultur-, und architekturhistorisch hoch einzuschätzenden Wert entsprechend genutzt. Als Sitz des Leiters des Thomanerchores und als dessen Probenzentrum ist der nun als „Villa Thomana“ bezeichnete Bau Bestandteil des neu geschaffenen Musikcampus „forum thomanum“. Dieses Großprojekt vereint eine Reihe umgenutzter und neu errichteter Gebäude, welche der musikalischen Ausbildung und Präsentation im Umfeld des weltberühmten Leipziger Knabenchores dienen.

1 Quelle: Bauaktenarchiv, Bau- Revisions- Protokoll, Bauakte Sebastian- Bachstr. 03, Band I.
2 Bauaktenarchiv, Akte Bachstr. 03, Bd. II.
3 Siehe oben, vom 30.11.1961.

Der Entwurf- „Leipzig trifft Italien“

Max Pommer entwirft eine Villenarchitektur mit nahezu quadratischem Grundriß. Lediglich an der Straßenecke Hillerstraße, Sebastian- Bachstraße wird die Kubatur des Baus angeschnitten, um hier den gestalterischen Höhepunkt zu setzen. Bekrönt wird diese dominante Eckgestaltung durch die Initialen des Bauherren Ledig.

 
Villa Thomana: Eckgestaltung

Ein Blick nach Italien, besonders dem Italien der Renaissance, lässt eindeutig Pommers Inspirationsquelle für den Kanon der Formen und Dekorationen erkennen, welcher am italienische Villenstil, bzw. auch an Palazzoarchitektur des 16. Jhs. orientiert ist.

Einerseits bewegt sich Pommer mit seiner Italien- bzw. Antikenrezeption auf dem Terrain des allgemeinen Zeitgeschmacks und gesellschaftlichen Interesses an diesen Epochen und Stilen. Dennoch kann ihm in einer Zeit, in der ein breites Formenrepertoire der verschiedensten Kunst-, und Architekturepochen in starkem Maße rezipiert und vermischt wurden, eine grosse Stilreinheit und Authentizität zugesprochen werden. Pommer ist bemüht, dem italienischen Vorbild möglichst nahe zu kommen.

In seinen Villenbauten scheint Pommer gesteigerten Wert auf Formentreue und Stilreinheit in Bezug auf seine Ideale und stilistischen Vorbilder gelegt zu haben.

Im Innenraum setzt sich das Thema antiker und der Renaissance entlehnter Form und Gestaltung fort und wird hier in den Wand-, und Deckendekorationen sehr ausführlich behandelt. Anklänge an pompejianische Wanddekorationen finden sich im Vestibül, sowie im gesamten Treppenaufgang. Hier sind Wandflächen in einzelne Quaderzonen eingeteilt, welche teils mit Marmornachbildungen dekoriert werden- eine Erfindung der so genannten ersten pompejianischen Wandstile. Auch die Rahmung der „pompejianisch“ roten Flächen in schwarz- mittlerweile im Vestibül wieder rekonstruiert- hat die gleiche Herkunft.

Max Pommer weilte vielfach in Italien4.

Auch die Deckenfassungen sind an italienischen Vorbildern orientiert. Vestibül, ursprünglicher Speisesaal und Diele des ersten Geschosses wurden in der ersten Dekorationsphase mit imitierten Holzdecken versehen, teils schlicht maseriert, teils durch imitierte Einlegearbeiten in Schablonentechnik ausgeführt, reich dekoriert.

Inwieweit Pommer persönlich die einzelnen Entwürfe der Innendekoration mitbestimmte, ist anhand der Quellenlage nicht zu klären. Eventuell wird er festgelegt haben, welches Dekorationsschema zum Zuge kommt. Wie allgemein üblich, wird Pommer für die detaillierten Entwürfe und deren Ausführung Fachkräfte zur Verfügung gehabt haben, in deren Verantwortung er die Innenraumgestaltung gegeben hat5.

4 Quelle: Chronik der Familie Pommer.
5 Diese Vermutung wird auch bestätigt durch die Aussagen des Urenkels, Herrn Dieter Pommer.

Zur Restaurierung und Rekonstruktion der Wand- und Deckenfassungen

Mit der Restaurierung und Rekonstruktion der Wand-, und Deckenfassungen im Treppenhaus und weiterer bauzeitlich gefasster Räume, wurde die Leipziger Restaurierungswerkstatt für Architekturoberflächen Oswald Pfister GmbH beauftragt.

 


Die Bestandsaufnahme und Befunduntersuchungen ergaben, dass die Erstfassungen in weiten Teilen von gutem Erhaltungszustand und nachweisbar sind. So war eine fachgerechte Restaurierung dieser Fassung etwa im Treppenhausbereich möglich.

Im ehemaligen Speisesaal des Erdgeschosses konnte eine imitierte Intarsiendecke freigelegt und restauriert werden.

In den Bereichen der Wandgestaltung im Entrée und im Vestibül wurden mehrere Fassungen nachgewiesen. Die Erstfassung war nachvollziehbar. Sichtfenster, die diese zeigen, wurden sichtbar belassen. Hier wurde sich für eine Restaurierung mit Teilrekonstruktion der Wand-, und Deckengestaltung entschieden.

Im Aufgang vom Entrée zum Vestibül konnte eine Fassung, welche einen textilen Wandbehang imitiert, freigelegt werden. Dieser war in weiten Teilen bauzeitlich erhalten. Teilbereiche wurden retuschiert, die Schablonenmalerei wurde teilrekonstruiert.

Quellen, Literatur, Bilder - Villa Thomana

Nachfolgend ausführliche Informationen zu den Quellen, der verwendeten Literatur und verwendeten Bilder in dem Artikel "Villa Thomana" von Wilma Rambow.

Quellen

Bauaktenarchiv des Amtes für Bauordnung, Abt. Denkmalschutz/ UDSchB Stadt Leipzig
Chronik der Familie Pommer
Gespräche mit Dieter Pommer
Stadtarchiv Leipzig

Fotos:

Wilma Rambow (2008)

Literatur

Adam, Thomas: Die Anfänge des industriellen Bauens in Sachsen, 1998.
Azzi Visentini, Margherita: Die italienische Villa, 1997.
Agnelli, Marella: Italienische Gärten und Villen; 1988.
Dehio, Georg: Sachsen II, 1998, S542 f.
Hocquél, Wolfgang: Leipzig: Von der Romanik bis zur Gegenwart, 2004.
Masson, Georgina: Italienische Villen und Paläste, 1959.
 
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