Berühmte Gemälde alter Meister

Sternennacht - Vincent van Gogh

Erklärung, Interpretation und Bedeutung bekannter Gemälde und Fresken. Mit diesem Bereich starten wir eine kleine Serie über berühmte Gemälde alter Meister.

Die „Sternennacht“ ist ein Spätwerk van Goghs, das er 1889 in einer besonders kritischen Phase seines Lebens schuf. In dem für ihn typischen Duktus, mit klar abgegrenzten pastosen Pinselstrichen, sehen wir eine Landschaft am unteren Bildrand, die sich nach rechts hin zu einem Berg auftürmt; die linke Bildhälfte durchschneidet eine sehr weit im Vordergrund stehende Zypresse. Ihre Spitze korrespondiert mit einem im Mittelgrund aufragenden Kirchturm inmitten eines kleinen Dorfes. Den größten Teil des Bildes nimmt ein dunkelblauer Nachthimmel ein, der mit Wirbeln und von Aureolen umgebenen, seltsam groß wirkenden Sternen gefüllt ist. Ganz rechts leuchtet eine große Mondsichel; der hellste (und als einziger mit Anteilen von Weiß gemalte) Stern steht relativ niedrig direkt rechts neben der Zypresse. Dunkle und dennoch leuchtende Primärfarben, vor allem Ultramarin- und Preußischblau, dominieren die Fläche, durchsetzt von gelben und orangen Einsprengseln, am größten in den Himmelskörpern. Die Zypresse ist von einem kalten, fast künstlich wirkenden Dunkelgrün. An den Bildrändern schimmert der silbrig braune Naturton der Leinwand durch die Farbe.

Vincent van Gogh: Bild 'Sternennacht' (1889), gerahmt

Dieses Bild malte Vincent van Gogh kurz nach seiner Ankunft in der Nervenheilanstalt St Rémy, eineinhalb Jahre vor seinem frühen Tod. Aus dem Gedächtnis sind verschiedene Elemente miteinander kombiniert – die Zypresse im Vordergrund und die Berge nehmen Bezug auf seine Wahlheimat Südfrankreich, während die Häuser des Dorfes eher denen in Leyden ähneln, wo er geboren wurde. Es existiert eine Zeichnung mit demselben Motiv, die aber wohl zeitlich nach dem Bild entstanden ist. In ihr ist die charakteristische Struktur der van Gogh’schen Malerei, die Wirbel und die wie Stickereistiche nebeneinander gesetzten Striche, durch die grafische Technik (Rohrfeder) noch gesteigert.

Van Gogh, 1953 in Leyden als Sohn eines Pastors geboren, kam erst spät zur Malerei und blieb zeit seines Lebens finanziell von seinem jüngeren Bruder Theo abhängig. Nach ersten Anfängen in seiner Heimat und einem zweijährigen Zwischenaufenthalt in Paris zog er schließlich nach Arles in Südfrankreich, wo der Großteil der farbenprächtigen Gemälde entstand, für die er heute berühmt ist. Ein Besuch seines Pariser Malerfreundes Paul Gauguin endete nach einigen Monaten mit einem Eklat, im Zuge dessen van Gogh sich den größten Teil des linken Ohres abschnitt. Aus dem Krankenhaus entlassen, versuchte van Gogh in seinem Haus weiterzuleben, begann jedoch einige Monate später seinen zwölfmonatigen Aufenthalt in der Nervenheilanstalt St. Rémy, wo die „Sternennacht“ entstand.

Farbe spielt eine zentrale Rolle in van Goghs Werk. In fast allen seiner Briefe an seinen Bruder beschreibt er die Farbkonstellation eines seiner aktuellen Bilder und die Beobachtungen im echten Leben, die ihn dazu inspiriert haben. Kraftvoll und gleichzeitig mit dem allergrößten Feingefühl lässt er drei oder mehr Töne miteinander streiten, harmonieren, interagieren – den Farbkompositionen kommt fast so etwas wie ein autonomer Status, ein Selbstzweck im Gefüge des Gesamtwerkes zu. Das Motiv dient oft genug als bloßer Anlass für die Bildung eines Farbakkordes, der vielmehr Bedeutungsträger für innere Vorgänge sein soll. Es ist deutlich spürbar, dass hier ein wichtiger Schritt in Richtung Abstraktion vollzogen wird: Die Ablösung ästhetischer Qualitäten wie Komposition, Farbe und Form von einem abzubildenden Motiv hat begonnen, ohne dass die Postexpressionisten wie van Gogh, Gauguin oder Cézanne sich bereits dessen bewusst wären, dass sie auch ganz auf eines verzichten könnten. Diesen Schritt werden Kandinsky, Picasso und Malewitsch erst eine Generation später gehen.

Bemerkenswert ist aus restauratorischer und materialkundlicher Perspektive, dass die Entwicklung vieler synthetischer Pigmente im 19. Jahrhundert eine der zentralen Voraussetzungen dafür war, dass van Gogh die Farbe in solch ausgeprägtem Maße als eine so von ihrer materiellen Grundlage unabhängige Qualität behandeln konnte. Auch die „Sternennacht“ enthält einen hohen Anteil von für diese Zeit neuartigen Pigmenten.

Es kursieren Spekulationen, dass die Halos um die Himmelskörper einer Augenerkrankung van Goghs geschuldet seien – ähnliche malerische Strukturen und helle Flächen um Lichtquellen herum finden sich auch in anderen Nachtszenen, etwa dem berühmten „Nachtcafé“.

Weniger prosaisch mutet die klassische Interpretation an, die in der wilden Bewegung der Linien am Himmel und der welligen Zypressen einen Ausdruck der inneren Unruhe des Künstlers wahrnimmt. In seinen letzten Lebensjahren war van Gogh von einer Vielzahl körperlicher und seelischer Leiden geplagt, bevor er sich im Juli 1890 im Alter von 37 Jahren das Leben nahm. Erst nachdem die Witwe seines Bruders einen Großteil seiner Bilder an eine Pariser Galerie verkauft hatte, fanden sie Beachtung und erfuhren einen rapiden Wertzuwachs. Die „Sternennacht“ wechselte mehrmals den Besitzer, bis sie schließlich 1941 vom Museum of Modern Art in New York angekauft wurde, wo sie bis heute für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

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