Kalkfarbe und Sumpfkalk

Geschichte und Anwendung von Kalkfarbe und Sumpfkalk

Eine der ältesten Anstrichtechniken zählt trotz ihrer anspruchsvollen Verarbeitung wegen ihrer vielen positiven Eigenschaften auch heute noch zu den wichtigsten, besonders im Bereich Denkmalpflege.

 

Geschichte der Kalkfarbe

Kalkhaltige Anstriche finden sich bereits seit der Steinzeit; schon in Mesopotamien wurden ihre kühlenden, feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften geschätzt. Variationen der Verwendung kalkhaltiger Farben, wie Kalkkasein und Fresko, existieren seit der Antike. Auch lange danach blieb Kalkfarbe fast das einzige allgemein verfügbare Anstrichmittel und prägt bis heute das Stadtbild in vielen historischen Orten, besonders im mediterranen Raum.

Bestandteile und Herstellung

Der Kalkkreislauf: Kalkstein – Branntkalk – Sumpfkalk

Zur Herstellung von Kalkfarbe wird zunächst natürlich vorkommender Kalkstein bei ca. 1000° C gebrannt – dies entfernt Verunreinigungen und verändert die chemische Zusammensetzung zu Branntkalk bzw. ungelöschtem Kalk, einer hoch reaktiven alkalischen Verbindung. Diese wird im Anschluss gemahlen und mit Wasser vermischt (gelöscht), eine exotherme chemische Reaktion, bei der sich Wassermoleküle and den Kalk binden und sogenanntes Kalkhydrat bzw. gelöschter Kalk entsteht. Früher geschah dies in Erdgruben, in denen der Kalk für optimale Qualität und Reinheit über Wochen und Monate eingesumpft wurde, weshalb diese Verarbeitungsstufe auch Sumpfkalk, wegen der lehmig-gallertartigen Konsistenz Fettkalk heißt. Verdünnt man ihn stark mit Wasser, wird daraus eine sehr flüssige Farbe, die Kalkmilch. Sie wird in etlichen dünnen Schichten mit einem Quast auf den Untergrund aufgetragen. In feuchtem Milieu reagiert sie mit Kohlendioxid aus der Luft wieder zu Kalkstein; dieser bildet an der Wand eine abriebfeste Schicht.

Eigenschaften und Deckkraft

Die Farbe ist im feuchten Zustand transparent, trocknet aber deckend auf. Verschiedene Faktoren – etwa Unregelmäßigkeiten im Untergrund oder direkte Sonneneinstrahlung – können die Trocknungsgeschwindigkeit der Farbe und damit auch den endgültigen Farbton beeinflussen, da sich die Kristalle bei langsamer Trocknung anders anordnen als bei schneller Trocknung. Dies kann das erwünschte lebendige, unregelmäßige Farbbild ergeben, aber auch unerwünschte Folgen haben, etwa dass sich das Baugerüst an einer Fassade als „Schatten“ auf der fertig gestrichenen Wand abzeichnet. Daher wird im Außenbereich traditionell eher bei wolkigem Himmel gearbeitet. Da sich bei zu schneller Trocknung nicht aller Kalk in Kalkstein umwandelt, leidet auch die Abriebfestigkeit – dafür aber bleibt der Anstrich schwach alkalisch und somit antibakteriell und fungizid. Unregelmäßigkeiten lassen sich durch zusätzliche Anstriche ausgleichen.

Pigmente, Bindemittel, Lösungsmittel

Kalkfarbe ist insofern sehr besonders, als der Kalk sowohl als Bindemittel als auch als Pigment fungiert; als Lösungsmittel dient Wasser. Setzt man Pigmente zu, sollten diese alkalibeständig sein – etwa stabile Pigmente wie Ocker und Eisenoxide. Wegen der schwachen Bindekraft der Farbe dürfen sie einen Prozentsatz von 5% nicht überschreiten.

Anwendung und Techniken

Was ist Kalkkaseinfarbe?

Nicht selten enthält Kalkfarbe einen Zusatz von Kasein – geronnenem Milcheiweiß mit starker Klebkraft – als zusätzlichem Bindemitte. Dies erhöht die Abriebfestigkeit, die Viskosität und damit die mögliche Schichtdicke der Farbe und verbessert etliche weitere ihrer Eigenschaften. Kalkkasein zählt zu den ältesten Bindemitteln in der Wandmalerei. Kasein wird traditionell aus Magermilch oder Quark gewonnen und in einer alkalischen Lösung aufgeschlossen; im Fall von Kalkkaseinfarbe ist dies der noch nicht abgebundene Sumpfkalk.

Der Farbe kann ein weitaus höherer Volumenanteil von Pigmenten und Füllstoffen zugegeben werden; außerdem benötigt sie nicht das lange, konstante Feuchthalten im Trocknungsprozess und ist bis zu einem gewissen Grad wasserfest. Durch die starke Klebkraft haftet sie auch auf sehr glatten Untergründen. Vorsicht ist allerdings bei zu hoher Konzentration des Kasein geboten: die beim Trocknen entstehenden extrem starken Spannungen können schwache oder poröse Untergründe zum Abplatzen bringen. Ein weiterer Nachteil der Farbe besteht in ihrer geringen Haltbarkeit: im offenen Zustand bietet das Kasein einen idealen Nährboden für Bakterien und Pilze und muss daher in wenigen Tagen verbraucht werden.

Untergrundbehandlung

Reine Kalkfarbe haftet auf einer Vielzahl schwach saugender Untergründe, zum Beispiel Lehm, Holz und verschiedene Putze. Stark saugende Gründe sollten mit Tiefgrund vorbehandelt werden; für sehr glatte, nicht saugende Untergründe, etwa aus Metall, ist Kalkkaseinfarbe besser geeignet.

Restaurierung und Denkmalpflege

Wegen ihrer Porosität führt Kalkfarbe Feuchtigkeit nach außen ab; nicht vollständig abgebundene Bestandteile wirken schwach alkalisch und somit antibakteriell und fungizid. Daher ist die Farbe ideal für Räume mit hoher Luftfeuchtigkeit oder mit starken Schwankungen im Feuchtigkeitsgrad geeignet und trägt dazu bei, feuchtigkeitsempfindliche Untergründe (Holz, Lehm o.ä.) trocken zu halten und Schimmelbildung zu vermeiden. Zudem ist es bei vielen denkmalgeschützten Bauten ohnehin erforderlich, die Technik des Originalanstrichs zu verwenden.

Besonderheiten

Den bereits genannten positiven Eigenschaften – die feuchtigkeitsregulierende, desinfizierende und kühlende Wirkung sowie das lebendige Erscheinungsbild – steht gegenüber, dass die Farbe in der Verarbeitung sehr anspruchsvoll und fehleranfällig ist, sodass sie nicht immer abrieb- und wasserfest ist. Besonders im Außenbereich wird sie schnell durch den Regen von Fassaden abgewaschen. In Gegenden mit einer hohen Schwefelkonzentration in der Luft (etwa bei hohem Verkehrsaufkommen) reagiert das Calcium mit dem Schwefel zu Gips; dieser ist wasserlöslich und wäscht sich noch schneller herunter.

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