Rekonstruktion in Architektur und Denkmalpflege

Begriff, Geschichte und Arten der Rekonstruktion in Architektur und Denkmalpflege

Der Begriff Rekonstruktion im Fachbereich der Architektur zählt zu einem der zahlreichen Aufgabengebiete von Restauratoren. Er bezeichnet den Versuch der Wiederherstellung des ursprünglichen Aussehens eines zerstörten, abgebrochenen oder durch Umbau stark veränderten Bauwerks. Die Rekonstruktion kann durch eine Instandsetzung oder einen Wiederaufbau realisiert werden.

 

In Fachkreisen und Teilen der Bevölkerung ist die Rekonstruktion von Bauwerken umstritten. Die Debatte schließt die Frage nach dem Stellenwert historischer Gebäude für die Pflege der eigenen Kulturgeschichte und deren Einfluss auf das nationale Bewusstsein mit ein. Daher ist es eine lebhaft und emotional geführte Debatte.

Rekonstruktionen im Lauf der Geschichte

Jede Epoche erschafft Bauwerke von historischer Bedeutsamkeit. Die zumeist öffentlich genutzten Gebäude sind Zeugnisse des jeweiligen ästhetischen Zeitgeschmacks und der Kunstfertigkeit ihrer Erbauer. Zugleich verbinden Menschen mit Bauwerken geschichtlich bedeutsame Ereignisse. Die Frage nach dem Erhalt oder der Wiederherstellung zerstörter Gebäude stellt sich demnach zu jeder Zeit. Vor allem das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen stellte eine große Herausforderung und zugleich Chance für Projekte der Rekonstruktion dar. So wundert es nicht, dass neben einer weltweiten Modernisierungsbewegung auch das Verständnis für den Denkmalschutz erstarkte. Zu jener Zeit war der Begriff der Rekonstruktion eher mit Arbeiten der Reparatur und Konservierung verbunden.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts bis heute wurden zunehmend Projekte realisiert, die einem kompletten Neu- bzw. Nachbau entsprachen. Die Entscheidung für derartige Vorhaben fällt oft, wenn mit dem entsprechenden Gebäude eine starke nationale Verbundenheit besteht. Ein Beispiel hierfür ist der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche in den Jahren 1994 bis 2005, welcher auch durch zahlreiche Spenden ermöglicht wurde. Doch auch hier gab es Gegner, welche im Erhalt der zerstörten Ruine eine größere Erinnerungsfunktion an die Folgen des 2. Weltkrieges sahen. Bei dem Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes in Berlin war die historische Bedeutung derart heikel, dass man sich gegen eine originalgetreue Rekonstruktion entschied und moderne Bauformen – wie die gläserne Kuppel – integrierte.

Arten von Rekonstruktionen

Bei der Durchführung einer Rekonstruktion ergeben sich verschiedene Möglichkeiten. Diese richten sich nach dem Grad der Originaltreue. Zugleich bestimmen die Quellenlage und die Sensibilität gegenüber dem Objekt die Art der Rekonstruktion:

  • Für eine originalgetreue Rekonstruktion ist eine sehr intensive wissenschaftliche Recherche notwendig. Beabsichtigt wird eine Baumaßnahme nach den gleichen Methoden und mit Hilfe möglichst identischer Materialien. Zumeist werden erhaltene Originalteile wiederverwendet. Diese Form der Rekonstruktion findet bei kulturhistorisch bedeutsamen Bauwerken, die in musealer Nutzung stehen, Anwendung und wurde bereits im 19. Jahrhundert bei der Abteikirche in Altenberg oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts beim Wiederaufbau des Markusturms in Venedig eingesetzt. Auch die Vollendung des Kölner Doms sowie die Rekonstruktion der Fassade des Potsdamer Stadtschlosses stellen berühmte Beispiele dar.
  • Von einer nachempfundenen Rekonstruktion spricht man, wenn die Datenlage der Quellenforschung gering ist. Oftmals sind lediglich Pläne der Fassadengestaltung oder Bilddokumente der Außenansicht erhalten. Weitere Baudetails und die Innenraumgestaltung werden mit Hilfe von Vergleichsbauwerken rekonstruiert. Besonders beliebt war diese Form der Rekonstruktion in der Zeit des sogenannten Historismus (19. bis 20. Jahrhundert): Hierzu zählen alle Neo-Formen von Romanik, Gotik, Renaissance und Barock. Nicht selten entstanden in dieser Zeit auch Mischformen aus verschiedenen Stilepochen. Die Überreste mittelalterlicher Burgen und anderer Sakral- oder Profanbauten gaben der Rekonstruktion die Basis. Ein berühmter Bau ist Schloss Hohenschwangau.
  • Die replikative Rekonstruktion ahmt lediglich den historischen Schein nach und gibt den Gebäuden zumeist eine andere Funktion. Es gibt keinen Bezug zu Vorgängerbauten. Diese Form ist Teil des sogenannten Neuen Urbanismus: Städtische Wohn- und Alltagsbauten wurden errichtet, um den Geist ihrer Bewohner zu inspirieren. Das Nikolaivierteil in Berlin ist ein berühmtes Beispiel.
  • Eine Sonderform nimmt die sogenannte didaktische Rekonstruktion ein. Sie findet im Zusammenhang mit archäologischen Arbeiten Anwendung. Hierzu zählen Wiedererrichtungen von historischen Siedlungen, Stadtmauern oder Tempeln. Sie dienen der lebhaften Geschichtsvermittlung und haben somit ebenfalls einen Wert für die aktuelle Kulturvermittlung.
  • Ebenfalls näher am Fachgebiet der Archäologie angesiedelt ist die experimentelle Rekonstruktion. Die Errichtung historischer Bauwerke nach alten Techniken und unter Verwendung damals genutzter Materialien ermöglicht Bauzeit und -weise wissenschaftlich zu untersuchen. Als Vorlage dienen erhaltene Baupläne und Dokumente real existierender historischer Gebäude. Diese Form der Rekonstruktion liefert auch Restauratoren wichtige Informationen für ihre Arbeit.

Welche Vor- und Nachteile bietet die Rekonstruktion?

Eine Rekonstruktion stellt keine einfache Wiederaufbaumaßnahme oder eine bloße Reparatur dar. Es ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Welche Gebäude sind sinnstiftend für das nationale Bewusstsein. In Zeiten des Krieges sind es vor allem diese symbolträchtigen Bauten, welche in das Visier der Zerstörung gerieten. Nicht selten mit der Absicht die Stimmung der Bevölkerung zu schwächen. Öffentliche Bauten haben diese Symbolfunktion. Jahrzehntelange Baulücken im Stadtbild werden als Makel empfunden. Die Diskussion entspinnt sich zwischen den Modernisten, welche jene Lücken mit neuen Formen und Materialien füllen wollen und jenen Vertretern, welche die Errungenschaften früherer Generationen ehren möchten und deren Form- und Farbgebung wiederherzustellen suchen. So gibt es in jeder europäischen Stadt rekonstruierte Gebäude die als gelungen oder misslungen gelten. Gemäß einer aktuellen Umfrage wünschen sich 80% der Bevölkerung eine Rekonstruktion nach Originalen (vgl. Bundesstiftung Baukultur, Bevölkerungsbefragung zum Baukulturbericht 2018/19). Wichtig erscheint, dass die Diskussion um die Rekonstruktion öffentlich und weiterhin lebhaft geführt wird, denn sie bestimmt die Identifikationsmöglichkeiten der jetzigen und künftigen Generationen.

Welchen Wert hat die Rekonstruktion in der Denkmalpflege?

Unter Beachtung des geltenden Baurechts stellt die Rekonstruktion einen Neubau dar. Demnach ist ein rekonstruiertes historisches Gebäude nicht umgehend denkmalgeschützt. Jedoch erfolgt die Entscheidung für eine zumeist kostenintensive Rekonstruktion eines geschichtlich bedeutsamen Bauwerkes immer aus dem Wunsch heraus, dieses dauerhaft für die Nachwelt zu schützen und kann somit unter Schutz gestellt werden. Nicht selten befinden sich rekonstruierte Gebäude sogar auf der UNESCO Weltkulturerbeliste. Beispiele hierfür sind die Würzburger Residenz und die rekonstruierte Altstadt von Warschau.

Wiederaufbau und Rekonstruktion der Kathedrale Notre-Dame


Kathedrale Notre Dame - Photo by Leif Linding

Vor einem Jahr: Bei dem Großbrand am 15. April 2019 wurde die historische und weltbekannte Kathedrale Notre-Dame in Paris stark beschädigt. Welche Brandschäden waren am Bauwerk entstanden und welche Maßnahmen wurden getroffen?



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